Wie vor 31 Jahren so wird auch das diesjährige Fest mit viel Schwung anlaufen. Dass dieses Fest einmal so einschlagen und ein so beliebtes Volksfest würde, das hätten die paar Männer, die vor 30 Jahren die Geburtsstunde erlebten, sich nicht träumen lassen. Es wäre fast eine Fehlgeburt geworden.
Im Frühsommer 1933 mehrten sich die Anregungen auch Worms solle wieder ein größeres Fest aufziehen. Überall im Lande gab es 1000- und 100-Jahrfeiern, Winzerfeste und Weinmärkte, nur hier hatte man nur die beiden Messen zu Pfingsten und Allerheiligen, die aber beide nicht mehr die Bedeutung hatten wie vor dem Ersten Weltkrieg. Der Verkehrsverein wurde aufgefordert, sich etwas einfallen zu lassen - und tat es.
Der damalige Vorsitzer, Oberbürgermeister Schwebel, berief eine Vorstandsitzung ein, in der Geschäftsführer Konrad Fischer - wer ihn gekannt hat, wird das verstehen - schon mit einem fertigen Plan aufwartete: Das Fest sollte aus dem Rahmen des Üblichen herausragen, zu ungünstiger Jahreszeit stattfinden, am besten als Fortsetzung des vor dem Krieg jährlich gefeierten Sedan-Tages, der Festplatz sollte am Rhein und nicht auf der Jahnwiese sein und es sollte einen attraktiven Namen bekommen, den er auch schon gefunden hatte: Backfischfest ! Das Fest der Backfische (in seiner zweifachen Bedeutung) und der Fischer. Ein solches Fest gab es noch nicht.
Der Vorschlag fand Zustimmung. Aber wer managt die Sache, wer trägt das Risiko, wer übernimmt eventuell den Fehlbetrag ? Aber der Optimist Fischer wusste alle Bedenken zu zerstreuen, er setzte die Genehmigung durch und war nun mit Feuereifer Tag für Tag mit seiner Idee unterwegs, das Backfischfest war bald in aller Munde.
Nun mussten Vereine, Organisationen, Berufe etc. zur Unterstützung gewonnen werden. In erster Linie die Gastwirte wegen Übernahme der Festzelte. Auf Veranlassung des Verkehrsvereins berief der Vorsitzer des Gastwirtevereins, Herr Markert, eine Versammlung in sein Lokal "Vater Jahn" ein, die sehr gut besucht war. Uns Männern vom Verkehrsverein fiel schon gleich die eisige Stimmung der Anwesenden auf und der Grund dafür sollte sich bald zeigen. Die Herren Schwebel und Fischer trugen vor, was dem Verein vorschwebte, baten um Mithilfe, Meinungsäußerung und vor allem um Vorschläge für das Festzelt.
Da kam der erste Schlag! Ich erinnere mich noch recht gut, wie Herr Schwebel konsterniert Herrn Markert anstarrte, als dieser eine glatte Absage erteilte. Damit hatte keiner von uns gerechnet. Aber die Gastwirte standen auf dem nicht mal unberechtigten Standpunkt, man können ihnen nicht zumuten, auch noch mitzuhelfen, dass ihre Gäste eine Woche lang auf den Festplatz gelotst würden und die eigenen Lokale leer stünden. Zudem wäre kein Wirt bereit, das mit der Übernahme des Festzeltes verbundene Risiko zu übernehmen. Davon waren sie nicht abzubringen, auch die Drohung, dass man eventuell von auswärts einen Festwirt holen würde, brachte keine Wendung. Das war ein böser Anfang und Freund Fischer konnte kaum noch richtig stottern.
Doch schon wenige Tage danach hellte sich der Himmel auf. Es erschien beim Verkehrsverein der Wirt vom "Fürst Bismarck", Heiner Schreier, und erklärte sich zur Übernahme des Festzeltes bereit. Eine bessere Lösung hätte sich nicht finden lassen, denn er war schon bei vielen Veranstaltungen der Festwirt und hatte entsprechende Erfahrungen. Seine einzige Bedingung war, dass er auch beim nächsten Backfischfest wieder das Festzelt bekomme. Das wurde ihm gerne zugestanden und auch treulich gehalten.
Noch eine wichtige Gruppe war zu gewinnen, die Wormser Fischer. Die Fischerwäder zögerten zunächst für diese Schnapsidee gäben sie sich nicht her. Nun konnte doch ein Backfischfest nicht ohne die Fischer aufgezogen werden. Aber das mit allen Wassern gewaschene Paar Fischer-Schreier, das sich schon so in das Fest vernarrt hatte, gab nicht auf.
Im günstig an der Fischerwäd gelegenen "Fürst Bismarck" wurde das Nebenzimmer, dem geplanten Fest entsprechend, stimmungsvoll dekoriert: Mit Netzen, Binsen, Rudern, Paddeln etc. wurden die Wände drapiert. Die Tische wurden zu einer Tafel zusammengerückt und darauf ein langer Spiegel gelegt, dessen Umrandung eine kleine Böschung aus Kieselsteinen erhielt. Auf diesem kleinen See schwamm ein Schwan, der ein Floß zog, das gehäuft voll war mit kleineren, kroßgebackenen Rheinfischen. Der "Uschbes" und "s´Konrädche" hatten ein Meisterwerk vollbracht.
Nun werden die Fischerwäder noch mal zu einer Aussprache geladen. Vom Verkehrsverein waren anwesend und sie wurden lange auf die Folter gespannt: die Herren Dr. Illert (sen.), Brauereidirektor Hch. Zaiß, Kaufmann Julius Ebel (der seine Fischerwäder kannte und sehr skeptisch war) und Konrad Fischer, der neben mir saß, als dem Stellvertreter des Vorsitzenden, der wieder mal verhindert war. (Der Stellvertreter war jeweils der Vorsitzer des Einzelhandels, der ich damals war.)
Während wir mit gemischten Gefühlen um unseren kleinen See saßen, stand Heiner Schreier auf glühenden Kohlen an seinem Büfett im Gastzimmer. Plötzlich kam er hereingeschossen: "Es ist einer da, wenn es mir gelingt, ihn hier hereinzubringen, kommen die anderen nach, schon aus Neugier, was gespielt wird". Und er brachte ihn. Der Mann war baff über die originelle Fischerstube und bis er sich aus seinem Erstaunen erholt hatte, war er auch schon auf einem Stuhl genötigt. Es war noch keine Viertelstunde herum, da waren wirklich noch drei Fischerwääder bei uns.
Damit war auch diese Hürde genommen, denn die Unterhaltung und der Wein sorgten dafür, dass schon bald "Backfischfest-Stimmung" war und die Fischer begeistert ihre Mitwirkung zusagten. Einer holte sogar eine neue Schöpfkelle, vulgo "Handnirsch", die zukünftig mit einer Flasche Wein eingeweiht wurde und den Namen des Weinstifters erhielt, in diesem Fall "Heiner" (Zaiß). Es war nicht der letzte Umtrunk aus diesem Gefäß! Listigerweise musste ich bei der ersten Taufe antrinken und da ich als Laie den Trick nicht kannte, verschlapperte ich mir Kragen und Krawatte zum allgemeinen Gaudium. Dieser Abend, der dann ein feucht-fröhliches Ende nahm, war die eigentliche Geburtsstunde des Backfischfestes, denn nun lief alles wie am Schnürchen.
Als Festplatz wurde die kleine Kieselswiese an der Rheinbrücke bestimmt. Zwischen den beiden Festzelten stand die Backfischbraterei und auf der anderen Seite, auf besonderen Wunsch von Konrad Fischer, um eine weitere Wormser Spezialität zu würdigen, ein Stand mit der Aufschrift "Waami Fleeschworscht". Der Eintritt zum Festplatz war, wie auch heute noch, frei.
Wichtig war den Verantwortlichen, dass das Fest gleich einen guten Start bekam: Speisen und Getränke mussten gut sein und nicht teuerer als in der Stadt. Für den Ausschankwein, der einwandfrei und preiswert sein sollte, wurden von den Wormser Weinhandlungen einer Prüfungskommission Proben eingereicht, von denen sechs Weine ausgewählt wurden. In kleinen, versiegelten Flaschen wurden mir diese Proben zur Aufbewahrung gegeben. Dass diese Weine in Ordnung waren, sollte sich aus traurigem Anlass elf Jahre später bestätigen: Aus den Trümmern des durch Bomben nicht ganz zerstörten Kellers wurden die Fläschchen geborgen. Ergebnis der Probe: Alle Weine noch einwandfrei.
Wie das Fest schon gleich im ersten Jahr eingeschlagen hat, ist vielen Wormsern noch bekannt. Schon am ersten Sonntag-Abend gab es keine (gebackenen) Backfische mehr, das vorgesehene Weinquantum war restlos vertrunken, die Weinhändler mussten noch in der Nacht nachliefern, ebenso die Brauerei, die Bäcker und die Metzger. Die Schausteller waren so zufrieden, dass sie schon für das nächste Fest Plätze belegten. Und ein besonderes Glück war, dass die ganze Woche herrliches Wetter herrschte, so dass Tag für Tag der Betrieb nicht abriss. Es wurde ein rechtes Familienfest, bei dem es abends keine Rang- und Standesunterschiede gab, nur fröhliche Menschen. Erwähnt werden muss noch, weil dies viel zu dem guten Renommee des Festes beitrug und heute noch nachwirkt: Es gab keine Krawalle und Exzesse, die Polizei brauchte sich schmunzelnd nur um besonders hochgestimmte Besucher zu kümmern.
Noch einige kleinere Reminiszenzen: Ich hatte beim Heiner Schreiner gelernt, wie man kroßgebackene Fische isst: Mein Nebenmann Fischer konstatierte, dass ich fünf Fische verspeist hatte, ich konnte ihm sein Quantum nicht nachweisen, er hatte die Köpfe mitgegessen.
Eines Abends, zu sehr vorgerückter Stunde, entdeckte mich "s´Konrädche" im Zelt und schleppte mich auf´s Podium, ich müsse eine Rede halten. Es war ein Glück, dass mich bei dem Trubel niemand verstand, trotzdem jubelte die Menge nach jedem Satz. Ich zog mich dann aber gut aus der Affäre, indem ich Freund Fischer ans Geländer zog und verkündete - er war ein guter Sänger - dass er jetzt sein Lieblingslied singen würde: Die Waldesluhuhust. Das geschah auch, und tosender Beifall begleitete unseren Abgang.
Einige Wochen nach dem fest schickte ein Wormser aus Südamerika eine Zeitung, in der ein Bericht über das "traditionelle, 10000jährige Wormser Backfischfest" zu lesen war. Das waren zwar drei Nullen zu viel, aber man konnte daraus schließen, dass auch das erste Fest schon ausländischen Besuch hatte.
Sonderbeilage der Wormser Zeitung 1964 / Valentin Marzenell