in Tanzschritt und Musik wird Wormser Stadtgeschichte lebendig
Weiß und Rot sind die Farben von Wams, Kniehose, Strümpfen, Hüten, Schuhen von alter her. Rote und weiße Felder wechseln miteinander ab. Rot-Weiß sind die Farben der Stadt. Und die Kostüme sehen genauso, oder doch fast genauso aus wie jene, die in einem Bericht aus dem Jahre 1575 über ein großes Preisschießen in Worms beschrieben und abgebildet wurden.
Aber der Gesellentanz mit den Tänzern in den Stadtfarben ist noch älter. Er kommt schon in einem Bericht über den Eintritt des Bischofs Johann von Dalberg im Jahre 1483 vor. Darüber schrieb Stadtarchivar und Museumsdirektor Dr. Friedrich M. Illert bereits 1939 in der Zeitschrift "Der Wormsgau". Aber was heißt hier: bereits. Damals gab es den Wormser Gesellentanz ja längst wieder. Der ihn der Vergangenheit und Vergessenheit entrissen, zu neuem optischen und akustischem Leben geweckt und der Stadt Worms damit ein unschätzbares Geschenk gemacht hat, war eben Dr. Friedrich M. Illert. Seine Entdeckung, oder besser: Wiederentdeckung, hat auch das Wormser Backfischfest um einen seiner wertvollsten und bodenständigsten Programmpunkte bereichert.
Dabei feierte der Gesellentanz keineswegs bei einem Backfischfest Premiere. 1926 existierte das Backfischfest nämlich noch gar nicht. Der Gesellentanz mit seinen Rundgängen der Tanzpaare, seinen "Rädlein" und Stampfschritten, seinem Hauptmann, der den Becher kreisen lässt, und seinem unermüdlichen Fahnenschwinger erlebte seine Uraufführung auf der Bühne des Wormser Festhauses 1926 bei einem Heimatvortragsabend von Dr. Illert. Das Publikum klatschte frenetisch. Der Abend musste dreimal wiederholt werden. Der Tanz der Vorfahren hatte die Herzen der Nachfahren erobert.
Aber die eigentliche große Premiere vollzog sich dann unter freiem Himmel. Denn der Gesellentanz gehörte ja nicht auf eine Theaterbühne, sondern mitten unter das Volk, mitten hinein ins Herz des Stadtlebens. Die Allerheiligenmesse sollte er alljährlich eröffnen, so wurde es 1926 bestimmt.
Es wurde nicht nur bestimmt, sondern auch getanzt. Vor dem Rathaus und Siegfriedbrunnen und auf dem Obermarkt. Das Volk aus Worms und Umgebung kam, sah und staunte. Und war begeistert. Es kam alle Jahre wieder, um die alten Tanzformen, den eigenwilligen Rhythmus, die ins Ohr gehende Melodie des Pfeifermarsches zu erleben. Es kommt heute noch ... trotz Rummel, Fernsehen, Ablenkung, Übersättigung, Unterhaltung und Aufmachung, wohin das Auge sieht. Ist das nicht ein positives Zeichen unserer vielgeschmähten Zeit ?
Nach dem historischen Notenmanuskript hat schon 1878 ein Karl Haine die Melodie neu nachempfunden. Die Noten, die sich im Museum befanden, nutzte auch Richard Leucht, um das Stück für Klarinette, Oboe und Fagott neu zu setzen. 1925 erntete Dr. Friedrich Illert mit der Uraufführung bei einem Vortrag des Volksbildungsvereins damit viel Beifall. Eine Landsknechtstrommel aus dem Museum sorgte für den entsprechenden Takt. Der Pfeifermarsch eroberte sich zwar nicht die Welt, aber Worms, und alle, die Worms, seine Tradition und sein Backfischfest lieben.
Aber heute schaut man sich die Sache an, klatscht, findet´s nett, geht wieder weg. Wer denkt schon daran, wie das alles überhaupt einmal zustande kam. Zunächst musste es ja einmal die Musik geben, den Pfeifermarsch, oder exakter: den "Marsch der Stadt Worms beim Pfeifergericht". Dieses Pfeifergericht tagte in Frankfurt. Sogar Goethe schildert es in "Dichtung und Wahrheit", er erzählt von den drei Pfeifern mit einer alten Schalmei, Baß und Oboe. Der Wormser Marsch wurde beim Einzug der Wormser Abgeordneten zum Pfeifergericht geblasen. Schon ein Zeitgenosse von 1752 fand die Melodie "sehr altfränkisch", wie Dr. Illert einer literarischen Quelle entnahm.
Die neue stadteigene Marschmelodie brachte den Historiker Dr. Illert auf die Idee, sie dem Tanz der Gesellen zu unterlegen, von dem er bereits beim Studium der Akten der Bäckerzunft erfuhr, daß er noch im 18. Jahrhundert beim jährlichen Wiesengang öffentlich getanzt wurde. Über die Tanzformenaber gab kein Dokument exakten Bescheid. Da musste er sich an den Bericht aus dem Jahr 1575 halten.
Der Volksbildungsverein unter Vorsitz von H. Haaß nahm sich der Sache an. Von einem "Rädlein" als Tanzform war in den alten Dokumenten die Rede. Das inspirierte Lehrer Müller-Langen zu den ersten Tanzformen. Die aktive Neubelebung des Gesellentanzes übernahm die Turngemeinde. Ihr Oberturnwart Friedrich Görtz sorgte für eine harmonische Tanzfolge. Die Turngemeinde tanzt heute noch. Schließlich sind die Sportler am besten zu Fuß.
Und für das Einstudieren sorgt Oberturnwart Heyn. Damals wie heute gibt es 16 Gesellen mit ihren Zunftzeichen im Arm, den Fahnenschwinger mit der großen Stadtfahne, den Hauptmann, der sozusagen als Vortänzer den Zunftbecher trägt, und die vier Musikanten. Damals wie heute gibt es Tanzfiguren wie Rädchen zu vieren, Rundgang, Schwenkstern und Rundtanz. Gar nicht so einfach, immer schön im Takt bleiben. Die Turngemeindler haben schon alle Füße voll zu tun, bis sie jedes Jahr die Erinnerung aufgefrischt oder neue Tänzer angelernt haben. Die beiden Solisten und die unermüdlichen Musikküsse kommen ebenfalls kaum zu Atem.
Übrigens: auch die große Stadtfahne, die der Fahnenschwinger so taktvoll in Bewegung setzt und die ja einen Mittelpunkt im ganzen Tanz darstellt, ist nicht so furchtbar alt. Schlüssel und Stern als Hoheitszeichen von Worms kamen erst wieder auf dem Fahnentuch zu Ehren, als der Volksbildungsverein die mächtige Schwingfahne herstellen ließ. Dr. Friedrich Illert hatte entsprechende Nachforschungen getrieben und auch die Herkunft von Schlüssel und Stern definiert. Aus dem Jahr 1198 stammt das älteste erhaltene Siegelwappen, auf dem Petrus Schlüssel und Bibel in Händen hält. Zum Petrusschlüssel kam der fünfzackige Stern aus dem Gerichtssiegel der Stadt. Um 1500 finden sie sich vereint in einem Schild, den zwei Drachen halten. 415 Jahre später flattert auf Veranlassung von Dr. Illert die Fahne mit Schlüssel und Stern zum erstenmal über dem Rathaus.
Sogar für die Farben gibt es eine Erklärung. Das Rot deutet auf die Reichsfreiheit der Stadt hin, es gilt als die Blut- und Feuerfahne des Reiches. Das Weiß steht eigentlich für Silber.
Sonderbeilage der Wormser Zeitung 1963