Fischerstechen

Für reichen Fang und gegen Wassergeister

 
Bild: Fischerstechen von 1933

Fischerstechen 1933

Bild: Fischerstechen von 1933

Das Fischerstechen im Spiegel der Jahrhunderte / Aus seiner Geschichte und von seinen Regeln

Worms darf stolz darauf sein, die älteste deutsche Fischerzunft nachweisen zu können. Es darf nicht minder stolz darauf sein, Brauchtum dieser Fischer in die Gegenwart herübergerettet oder neu aufgefrischt zu haben. Das Backfischfest bot den willkommenen Anlass, und die Darbietung am Rande des fröhlichen Gesamttrubels veredeln das Volksfest. Sie geben dem Fest einer ganzen Landschaft eine Note, die ihresgleichen sucht. Es spricht für die Wormser und ihre begeisterten Gäste, dass sie sich durch Anteilnahme an den Demonstrationen der Fischer, Wassersportler und anderer Wasserratten dankbar erweisen. Unter den Darbietungen aber nimmt das Fischerstechen einen ersten Platz ein. Um diese Wettkämpfe gruppieren sich alljährlich am zweiten Festsonntag im Floßhafen die Nummern des großen Schauprogramms.

Aus Ratsprotokollen, aus Tagebüchern und Chroniken wissen die Wormser der Gegenwart, wie ihre Vorfahren vor Jahrhunderten auf dem Rhein in friedlichem Wettkampf stritten. Freude, Pomp und Lärm waren die gesuchten Attribute jener Feste auf dem Wasser, ohne das Worms einstmals viel weniger als heute denkbar war. Bei aller Ausgelassenheit hatten die mittelalterlichen Fischfeste auch einen ernsten Hintergrund. Die Mitglieder der Zunft erbaten reiches Fangglück und vertrieben die bösen Wassergeister. Unglück und Zauberei sollten abgewendet werden. Der Glaube mag auch in diesem Falle seine wundersame Wirkung nicht verfehlt haben. Jedenfalls stand das Wormser Fischergewerbe viele, viele Jahrzehnte in voller Blüte.

 

Der Grosse Tag zu Johannis

Einige Tage vor dem fest, so ist überliefert, suchten Vertreter der Fischerzunft beim Bürgermeister und beim rat der Stadt um Bewilligung nach, das Fest, meist zu Johannis veranstaltet, abhalten zu dürfen. Schmackhafte Fische sollten die Gunst der Herren von Stadtvorstand und Rat erwerben helfen. An Bestechung mag da wohl niemand gedacht haben, denn die Beschenkten lebten im Überfluss. Die Abgesandten der Zunft mögen ihrerseits auch mit lauteren Motiven diese köstliche Probe aus dem damals noch wenig verschmitzen Rhein zum Stadthaus gebracht haben.

Dem Probestechen am Vorabend des Festtages folgte die große Demonstration der Fischer. Man zog zuerst durch die Stadt, wobei man sich mit dem Teil der heutigen Altstadt beschränkt haben mag. Trommler eröffneten den Festzug, der von der Fischerherberge seinen Anfang nahm. Der Fischermeister, Bauer und Bäuerin - die in dieser Zeit wiedererstanden sind - närrische verkleidete Teilnehmer und die Musikanten zogen zum Rhein.

Es war Tradition, dass Bauer und Bäuerin das Fischerstechen eröffneten. Sie beendeten ihren lustigen Kampf beim dritten Durchgang und hatten beide in die Fluten zu fallen. Die auf den benachbarten Booten wartenden Verkleideten folgten ihnen. Dann kamen die ernsten Kämpfer, die so lange stritten, bis der letzte "Überlebende", der Sieger, noch allein auf dem Podest eines der von flinken Ruderern getriebenen Nachens stand. Dann sprang auch er in das Wasser, das ihm und seinen Gesinnungsfreunden reiche Jagdgründe bot. Er wollte dartun, dass auch er sich vor dem Element Wasser, das ihm die Möglichkeit gab, sein Gewerbe auszuüben, keineswegs fürchtete.

 

Streng sollen die Regeln sein

Alles um dieses Fischerstechen ist Spiel. Aber wie jeder Wettkampf seine Regeln und Bestimmung hat, so war man bemüht, auch dem Wettbewerb der Fischerfeste strenge Regeln zu geben. Nur unvollständig hat man sie rekonstruieren können, so dass die Fischerwääder, die Männer von der Wormser Fischerweide, und die Leute vom Verkehrsverein, die gemeinsam mit den sofort begeisterten Wassersportlern nach hundert Jahren erstmals wieder das Fischerstechen zeigen wollten, nur bedingt auf die Historie zurückgreifen konnten und improvisieren mussten.

Man wusste, dass in jedem der von einem Ruderer angetriebenen schnittigen Kahn ein Teilnehmer kämpfte. Der Bug hatte einen Vorbau, darauf stand der Fischerstecher. Der benutzte hölzerne Speer hatte ein Querholz, das der Fischer an seine Brust stemmte. Mit der Scheibe wurde nach dem Gegner gezielt. Fiel er bei einem Stoß von der Platte am Bug des Nachens in das Wasser, dann galt dieser Gang für ihn als verloren. Dem Sieger wurde ein neuer Kämpfer gegenübergestellt.
Wer sich festhält, so bestimmte die Kommission unserer Tage, scheidet aus. verboten ist es, den Gegner an den Kopf oder in den Bauch zu stoßen.

 

Eignes Reglement entwickeln

Seit 1950 gilt, dass die Kähne etwa gleich lang und breit sind. Die Plattform für den Fischerstecher soll einen Meter über die Kahnspitze reichen, aber nicht weiter. Die hölzerne Lanze, deren Spitze gut gepolstert sein muss, hat eine Länge von 3,50 Meter

Sonderbeilage der Wormser Zeitung 1958


Ein Rheinfest vor 110 Jahren zur Einweihung der Schiffsbrücke

Am 14. Juni 1855, also vor 110 Jahren, wurde die kurz zuvor erbaute Schiffsbrücke über den Rhein bei Worms eingeweiht. Man beging dieses Ereignis, das einer bedeutenden technischen und verkehrsmäßigen Fortschritt für das Worms von damals mit seinen 9720 Einwohnern (!) darstellte, mit mancherlei Feiern und Lustbarkeiten, darunter auch mit einem Fest am und auf dem Rhein.
Der spätere langjährige Brückenmeister Hartmann berichtete aus seinen Erinnerungen im Juni 1915 in der Wormser Zeitung darüber folgendes:

"Seit der Einweihung der früher bestandenen Schiffbrücke, am 14. Juni des Jahres 1855, waren 60 Jahre verflossen... Zur freudigen Unterhaltung an diesem Festtage wurde unter Anleitung des inzwischen verstorbenen Kaminfegermeisters Karl Weiser aus Mainz von Wormsern, jungen Fischern, Schiffern, und Flößern ein sogenanntes Fischerstechen auf dem Rhein vorgeführt. Bestehend aus Aalrupfen, gegenseitigem Bajonettieren auf den Spitzen der Nachen stehend, und Entenfang.

Das Aalrupfen wurde auf einem schön geflaggten Segelschiff, welches kurz unterhalb der Schiffsbrücke vor Anker lag, vorgenommen. An der über Bord stehenden Mastspriete dieses Schiffes hing über einen quer über das Schiff liegenden schwanken Floßholzstamm (welcher ziemlich weit über Bord ging) ein glatter großer Aal zum Abrupfen.

Doch bevor das Abrupfen gelang, sind viele Schwimmer unter schallendem Gelächter von dem schwankenden querliegenden Stamm in den Rhein gefallen und von einem Nachen aufgenommen worden. Nach diesem kam das eigentliche Schifferstechen. Zuletzt kam der Entenfang, wozu etwa 12 Stück Enten in den Rheinstrom gesetzt wurden, welche alle lebend mit der Hand gefangen werden mussten. Alsdann wurden die verschiedenen ausgesetzten Preise in Empfang genommen und die Enten gemeinsam von allen Teilnehmern bei Steiners verzehrt.

Sonderbeilage der Wormser Zeitung 1965

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