 |
10 Jahre Nibelungenmuseum
Grußwort zum Auftakt des Museumsgeburtstages am 18. August 2011
Das Nibelungenmuseum feiert heute sein zehnjähriges Bestehen. Wenn das Nibelungenmuseum wie bei diesem Anlass in das Blickfeld der Öffentlichkeit tritt, dann werden zumeist zwei Dinge angesprochen. Erstens der ungewöhnliche Charakter eines Museums ohne Exponate und das innovative Konzept dieses Hauses. Zweitens eine Kontroverse um die Notwendigkeit dieses Museums und um seinen Erfolg, gemessen an Besuchszahlen und Finanzierung. Zum ersten: das Nibelungenmuseum arbeitet aus zwei Gründen ohne Ausstellungsobjekte. Zum einen gilt: Es gibt keine historisch und archäologisch gesicherten Fundstücke zur Nibelungensage. Gerade das macht sie aber so rätselhaft und spannend. Zum anderen handelt es sich beim Nibelungenlied im Prinzip um Literatur und Literatur lässt sich kaum ausstellen, weil sie selbst ein vervielfältigbares Medium ist. In ein Museum gehört aber das, was möglichst rar oder besser noch einmalig, echt und sinnlich erfahrbar ist, eben original. Ist nun das Originalmanuskript zu Franz Kafkas „Prozess“, heute im Literaturmuseum der Moderne in Marbach, echter als eine textgleiche Taschenbuchausgabe? Ja und Nein! Jedenfalls ist der Unterschied nicht so gravierend wie die Differenz zwischen Leonardos „Mona Lisa“ im Pariser Louvre und den unzähligen Reproduktionen auf Postern, Kalendern und Kunstdrucken. Halten wir also fest: Das Nibelungenmuseum ist eben anders als herkömmliche Museen und dafür gibt es besondere und auch plausible Gründe. Wenn etwas ungewöhnlich ist, fällt es besonders auf. Dies signalisiert das Nibelungenmuseum schon nach außen deutlich durch seine futuristische Architektur. Dieses Erscheinungsbild wird durch den beabsichtigten Kontrast mit der altehrwürdigen Stadtmauer dahinter noch gesteigert. Die architektonische Botschaft ist klar. An diesem Ort wird geschichtliche Vergangenheit in modernem Gewand für ein Publikum von heute erlebbar. Natürlich kann etwas Außergewöhnliches auch irritieren, Fragen aufwerfen, Unsicherheit auslösen oder sogar auf Ablehnung stoßen. An einem prägnanten Profil kann man sich eben auch reiben und stoßen und das ist verständlich und legitim. Außerdem war das Haus eine Neugründung und stand als solche besonders unter Legitimationsdruck. Wenn man allerdings die Präsenz mancher Stereotype über das Nibelungenmuseum betrachtet, kann man tatsächlich kaum glauben, dass diese Kultureinrichtung bereits ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Wenn das Museum so jung geblieben ist wie die Diskussionen, die es auslöst, dann besteht einmal mehr Grund, ihm zu gratulieren.
Vielleicht ist heute die Gelegenheit, einer Hoffnung oder einem Wunsch Ausdruck zu verleihen. Für manche Bürger erscheint mir das Nibelungenmuseum wie ein etwas schwieriges und seltsames Kind, das ein geliebter Partner, nennen wir diesen Worms, in die Ehegemeinschaft mitbringt. Man mag sich gegen diesen Neuling zunächst sperren, seinen Zweifeln Ausdruck verleihen und ihm womöglich gar eine Zukunft prophezeien. Man kann sich aber fragen und letztendlich nur für sich selbst entscheiden, was einem lieber ist: Wenn das Kind scheitert und man hat es schon immer gewusst, oder wenn man über seinen Schatten springt, sich arrangiert, ohne zu verstummen, und damit entscheidend zum Erfolg beiträgt.
Jedenfalls wurde und wird das Museum letztlich von den Wormserinnen und Wormsern und von den Gästen von außerhalb angenommen und unterstützt und das ist ein willkommener Anlass, allen einen überaus herzlichen Dank abzustatten. Es ist hier leider nicht der Raum, die Geschichte des Hauses zu rekapitulieren und die Verdienste aller Gründer, Helfer, Kooperationspartner, Kolleginnen und Kollegen auf den Ebenen Bund, Land, Region und Stadt sowie Kultur und Veranstaltungs GmbH zu würdigen, aber ich möchte dies an dieser Stelle symbolisch tun, denn ein noch so modernes Museum lebt nur von den Menschen, die es betreiben, fördern und unterstützen und es lebt nur für die Menschen, die es wahrnehmen und nutzen, durchaus auch seine Kritiker. Besonders wichtig ist uns die hervorragende Zusammenarbeit mit den Museumskollegen auf städtischer Ebene, dies umso mehr, als die Wormser Museen sich thematisch sehr gut gegenseitig ergänzen. Das Nibelungenmuseum feiert von heute bis Sonntagabend keine rauschende Party. Es hat sich nicht verkleidet und in eine elegante Schale geworfen. Stattdessen zeigt es sich Ihnen so wie es immer ist: offen für ein breites und interessiertes Publikum fast jeden Alters und mit einem abwechslungsreichen Angebot, das von klassischer Museumspädagogik über spielerische Workshops, Autorenlesungen und Vorträge bis hin zu Filmvorführungen und Medienpräsentationen reicht. Wir danken Ihnen allen und jenen, die heute nicht zugegen sein können vielmals und freuen uns auf Sie heute, morgen, übermorgen und überübermorgen und in den kommenden zehn Jahren. Und damit das alles nicht zu sehr nach glückverheißender Werbung klingt, geben wir zu: montags, da brauchen auch die Museen einmal Ruh, aber nur, um sich vorzubereiten auf Ihren nächsten Besuch.
Dr. Olaf Mückain
Museumsleitung
Nibelungenmuseum Worms
|