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Golem kehrt zurück!

01.10.2018

Über ein besonderes Projekt informierte heute unter anderem Oberbürgermeister Michael Kissel: Die Rückkehr des Golems nach Worms.

Dr. Marcus Walden, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Worms-Alzey-Ried, Dr. Susanne Urban, Klaus Krier und OB Michael Kissel präsentieren den Golem (v.l.).  
Dr. Marcus Walden, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Worms-Alzey-Ried, Dr. Susanne Urban, Klaus Krier und OB Michael Kissel präsentieren den Golem (v.l.).

Welterbeantrag bringt auch das imaterielle Erbe ans Licht

SchUM: ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen, auf Latein zurückgehenden hebräischen Städtenamen für Speyer = Schin (Sch) = SchPIRA, Worms = Waw (U) = Warmaisa und Mainz = Mem (M) = Magenza. SchUM: drei jüdische Gemeinden, die einen einzigartigen, richtungsweisenden Gemeindebund im Mittelalter schlossen. Ihre Architektur ist überwältigend: Synagogen aus dem 11. und 12. Jahrhundert, die ersten überlieferten Frauensynagogen, Monumental-mikwaot (Ritualbäder), einzigartige Grabsteinornamentik. Der älteste in situ erhaltene jüdische Friedhof Europas befindet sich in Worms und in Mainz wurde 1926 der herausragende Denkmalfriedhof auf dem Judensand eingerichtet. SchUM war Innovation und architektonische Typenbildung inmitten dreier Städte, in denen Juden im Mittelalter Teil der Urbanisierung waren – inmitten einer Umwelt, die immer wieder angriff, vertrieb, mordete.

Die jüdischen mittelalterlichen Monumente in den einstigen SchUM-Gemeinden sind einzigartig. Sie sollen UNESCO-Weltkulturerbe werden. 2020 wird der Antrag des Landes Rheinland-Pfalz eingereicht und 2021 fällt die Entscheidung. Begleitet wird die Welterbebewerbung von dem Bemühen, das immaterielle Erbe und die Gelehrsamkeit der SchUM-Gemeinden bekannt zu machen.

 

Worms im 14. Jahrhundert: Ein Rabbiner und (s)ein Golem

Golem kehrt zurück! Zurück nach Worms am Rhein, wo die Idee eines schützenden Wesens bereits im 13. Jahrhundert entstand – lange, bevor Prag sich auf immer mit der Legende eines Golems verband.

Zur Blütezeit der SchUM-Städte lebte in Worms der große Gelehrte Eleazar ben Jehuda Kalonymos (um 1165 bis 1230). Eleazar war mit Dulcia verheiratet; sie hatten einen Sohn und zwei Töchter, Belette und Hannah. Die Familie wurde im November 1196 in Worms von einer Gruppe von Kreuzfahrern überfallen. Dulcia und ihre zwei Töchter wurden ermordet, der Sohn verletzt. Eleazar ben Jehuda verfasste einige Zeit später einen Kommentar zum antiken „Buch der Schöpfung“ und brachte die Idee von der Schaffung eines Golems in die Welt. Eleazar nahm an, dass durch bestimmte Zahlen und Buchstabenkombinationen des hebräischen Alphabets unbelebte Materie zum Leben erweckt werden kann. Ein Golem war erdacht! Von Worms aus wanderte der Golem als Legende in die Welt, nach Prag und Polen, später, in veränderter Form, in die USA:

Was ist denn Superman anderes als ein Golem? In Israel hieß der erste Computer „Golem“. Und heute? Die moderne Belletristik kennt auch weibliche Golems. Die Auseinandersetzung mit dem Ideal und der Idee des Golems in den verschiedenen Erscheinungsformen bietet zahlreiche und vielfältige Anknüpfungspunkte zu immer noch und immer wieder aktuellen Themen – bis hin zur künstlichen Intelligenz.

Der SchUM-Städte e.V. hat Unterrichtsmaterial zum Golem und seiner (oder ihrer) Rolle für und in Worms erarbeitet (ab 28.11. online).

Der Wormser Künstler Klaus Krier hat eine Golem-Grafik eigens für den SchUM-Städte e.V. geschaffen.

Am Donnerstag, 29.11., wird es im WORMSER Kulturzentrum einen Vortrag von Prof. Frank Stern (Filmwissenschaftler, Wien) und einen Film mit und über einen modernen Golem geben.

Im Pressegespräch am 1. Oktober zum Golem-Projekt sagte der Oberbürgermeister der Stadt Worms, Michael Kissel:

„Die jüdischen Gemeinden in SchUM erlebten Blütezeiten und erlitten Verfolgungen. Die Idee eines Golems, in Worms entstanden, spiegelt auch die unglaubliche geistige Kreativität der Gelehrten aus SchUM wider. Zumeist sind es große Gelehrte, die sich solcher Gedankenexperimente annehmen. Eleazar von Worms war so jemand, und er war bekannt für seine tiefe Gläubigkeit und Menschenliebe, aber auch für seine wissenschaftliche Neugier. Wir sind immer wieder erstaunt, welche Ideen in den mittelalterlichen jüdischen Bauten erdacht und diskutiert wurden. All dies ist wahrhaft welterbewürdig.“

Dr. Susanne Urban, Geschäftsführerin des SchUM-Städte e.V.: „Am Anfang war der Golem eine Idee, in der sich Eleazar von Worms mit seinen Wünschen und Nöten spiegelt. Aus der Idee wurde eine Legende, und diese Legende wandert seitdem durch die Welt. Für den Unterricht ist sie grandios einsetzbar, denn wir können rund um den Golem Fragen wie Gerechtigkeit oder Moral diskutieren. Geschichte in SchUM bzw. Worms, Kreuzzüge, jüdische Religion und die sich immer neu formierende Idee des Golems sind für Schülerinnen und Schüler spannend und regen zu eigener Kreativität an. SchUM war eben innovativ!“

Klaus Krier, Künstler aus Worms: „Nicht ich habe den Golem geschaffen, sondern er – oder sie – hat mit all den Geschichten, Legenden und Ursprüngen meine Kreativität beflügelt, sodass ein, zwei, drei, viele neue Golems entstanden, nachts und tagsüber, impulsiv oder mit vielen Gedanken versehen. Am Ende entstand der Golem für und aus SchUM, weil diese Figur nicht statisch ist, sondern wie SchUM in Bewegung ist, nach vorne strebt, aus der hiesigen Erde stammt und sich doch lösen kann. Ein Golem, der mit SchUM verwächst.“

Ermöglicht wird das Projekt rund um den Golem durch eine Spende der Stiftung „Gut.für die Region“ der Sparkasse Worms-Alzey-Ried.