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Die Zerstörung der Wormser Synagoge

09.11.2018

Eine musikalisch umrahmte Gedenkveranstaltung am Donnerstag, 08. November, in der Wormser Synagoge erinnerte an die schrecklichen Ereignisse 1938.

Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky, Gemeindevorsitzende Anna Kischner und Oberbürgermeister Michael Kissel gedachten gemeinsam mit zahlreichen Gästen der Pogromnacht 1938 (von links).  (Foto: Florian Helfert) 
Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky, Gemeindevorsitzende Anna Kischner und Oberbürgermeister Michael Kissel gedachten gemeinsam mit zahlreichen Gästen der Pogromnacht 1938 (von links).
(Foto: Florian Helfert)

Rückblick auf schreckliche Ereignisse vor 80 Jahren

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fiel die Wormser Synagoge dem nationalsozialistischen Terror im Zuge des Novemberpogroms durch Brandstiftung zum Opfer. Zunächst gelang es Rabbiner Dr. Frank gemeinsam mit Schülern der Bezirksschule und einigen Männern der Gemeinde den ersten Brand zu löschen. Der Schaden war noch überschaubar. Als die Brandstifter ein zweites Mal anrückten, stellte sich ihnen die jüdische Lehrerin Herta Mansbacher entgegen. Vergeblich, sie wurde von SA-Leuten und Polizisten brutal zur Seite gestoßen. Damit war das Schicksal der Synagoge besiegelt. Die Feuerwehr hatte jegliche Hilfe verweigert und schützte lediglich die benachbarten Anwesen. 

An die schrecklichen Ereignisse vor 80 Jahren und die Folgen des Nazi-Regimes erinnerte die Stadt Worms in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Mainz/Worms, dem Verein Warmaisa und dem Bündnis gegen Nazi-Aufmärsche am Donnerstag (8.11.) in einer von Rolf Fritz und Alexander Galushkin musikalisch mit Werken für Klavier und Violine umrahmten Gedenkveranstaltung in dem von 1956 bis 1961 wiedererrichteten jüdischen Gotteshaus.  

 

In seiner Ansprache blickte Oberbürgermeister Michael Kissel zurück auf jene Nacht und erinnerte an die einst blühende jüdische Gemeinde und die damaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die in den Jahren seit 1933 unter fortwährenden und sich steigernden antisemitischen Schikanen, systematischer Ausgrenzung aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zu leiden hatten und - sofern sie sich nicht in die Emigration retten konnten - Opfer von Verschleppung und Ermordung in den Vernichtungslagern wurden.

"In ganz Deutschland brannten die Synagogen, ..."

„Die Zerstörung der Wormser Synagoge war kein singuläres Ereignis. In ganz Deutschland brannten die Synagogen, zogen SA-Schergen durch die Städte und Dörfer, drangsalierten und demütigten friedliche und bis dahin arglose jüdische Mitbürger unter den Augen der zumeist tatenlos  zuschauenden Bevölkerung – auch in Worms“, verdeutlichte Michael Kissel, dass mit der Reichspogromnacht Deutschland endgültig von einer menschenverachtende Tyrannei erfasst wurde, für die es kein Halten mehr gab. Mit der staatlich organisierten systematischen Verfolgung und Ermordung von über sechs Millionen europäischen Juden und vielen Tausend Sinti und Roma, habe der Rassenhass seinen schrecklichen Exzess erlebt, der mit keinem anderen Ereignis in der gesamten Menschheitsgeschichte vergleichbar sei, mahnte der Stadtchef, gemeinsam dafür einzustehen, damit sich derartige Ereignisse wie im November 1938 niemals wiederholen.

Anna Kirschner als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde rief in Erinnerung, dass das Novemberprogrom von 1938 weitaus mehr beinhaltete als nur brennende Synagogen. „Es war vor allem auch die geistige Brandstiftung, die mit dem Holocaust eine nie dagewesene Dimension erreichte“, appellierte Kirschner, dass gesellschaftlich weder Rassismus noch neuer Antisemitismus geduldet werden dürfe und man solchen Tendenzen entschieden entgegen treten müsse.

Besorgnis über Entwicklungen in der Gesellschaft

„Die Lehre für jetzt und alle Zukunft ist: Wer Gewalt gegen eine religiöse oder ethnische Minderheit duldet oder gar fördert, stürzt erst die Minderheit und dann das gesamte Staatswesen ins Verderben“, betonte OB Kissel. Deswegen dienten Erinnerung und Gedenken an diese Pogrome dem Schutz unserer freiheitlichen Demokratie und seines Rechtswesens und letztlich dem Schutz aller Bürgerinnen und Bürger.

Zugleich äußerte der Stadtchef seine Besorgnis zu heutigen Entwicklungen in der Gesellschaft, „in der es schon wieder zu Übergriffen auf Menschen jüdischen Glaubens kommt,  Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit in sozialen Netzwerken und in rechtsextremen und rechtspopulistischen Kreisen zum Teil völlig unverhohlen propagiert werden – und dabei offenbar ansteckend wirken.“

Mit einer Gedenkveranstaltung in der Wormser Synagoge wurde an die schrecklichen Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und die Terrorherrschaft des Naziregimes erinnert.  
Mit einer Gedenkveranstaltung in der Wormser Synagoge wurde an die schrecklichen Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und die Terrorherrschaft des Naziregimes erinnert.
 

Daher seien alle aufgerufen, gegen das Vergessen und gegen Angriffe auf jüdische Mitbürger oder andere Minderheiten aktiv vorzugehen. „Ich bin froh, dass dies in unserer Stadt geschieht – auf sehr unterschiedliche Art und Weise“, so Michael Kissel.

Lesen Sie die Ansprache von Oberbürgermeister Kissel in vollem Umfang

Anschließend zeichneten die Schülerinnen und Schüler Nelly Granson, Selin Yasar und Eren Yayli für das Gauß-Gymnasium als „Schule ohne Rassismus“  insbesondere das Leben der Wormser Lehrerin Herta Mansbacher nach. Statt zu flüchten, habe sie in ihrer Heimatstadt ausgeharrt und damit ein Zeichen gegen Menschenverachtung, Hetze und Rassismus gesetzt.