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Das RAD-Lager Ibersheim

Das Ibersheimer Lager des Reichsarbeitsdienst (kurz "RAD-Lager") war die Hölle für Arbeitsmann und Schriftsteller Ludwig Harig - und das Notquartier für viele Wormser nach dem Bombenhagel.

Der Reichsarbeitsdienst (RAD) in seiner Entwicklung

Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine Organisation des nationalsozialistischen Machtapparates im Deutschen Reich der Jahre 1933-1945. Ab Juni 1935 musste dort jeder junge Mann, zwischen 18 und 24 Jahren, eine sechsmonatige, dem Wehrdienst vorgelagerte Arbeitspflicht im Rahmen eines Arbeitsdienstes ableisten. Vor dem Krieg befasste man sich mit Forst- Kultivierungs- Deichbau- oder Entwässerungsarbeiten.

Die Unterkünfte im ersten Zeitabschnitt 1932-1934 waren behelfsmäßig in Städten und Dörfern. Für Worms waren diese in der Kaserne. Von 1934-1936 wurden reichsgenormte Holzhäuser in einer geschlossenen Anlage verwendet. In einer weiteren Phase 1936-1937 kehrte man von einer strengen Anordnung ab und ordnete die Baracken so an, dass sie nicht als Fremdkörper im Landschaftsraum empfunden wurden. Von 1938-1939 achtete man auf eine bessere Infrastruktur und errichtete die Lager nicht auf wertvollem Kulturland.

Das RAD-Lager Ibersheim

Nach dieser systematischen Entwicklung des Unterkunftsbaues entstand auch in Ibersheim ein Lager zwischen der heutigen Banatstraße und dem Eicher Pfad. Es gehörte zum Arbeitsgau XXV Hessen-Süd mit Sitz in Wiesbaden und zur Gruppe 252, die im Heyl's Schlösschen residierte.

Ibersheim nannte sich Abteilung 4 "Dankwart". Die Nachbarabteilung in Eich war Nr. 3 "Dietrich von Bern". Das Lager bestand aus neun Baracken, die sich hufeisenförmig um einen großen Antreteplatz in einer Grünanlage gruppierten. Der Lageplan ist enthalten in dem Buch von Wilhelm Faatz: Das Holzhaus-Lager im Arbeitsgau XXV, Leipzig 1939, S. 93

Die ranghöheren Dienstgrade waren mit ihren Familien im Dorf untergebracht:

  • Oberfeldmeister Georg Rosenstock von Rhöneck
    * 23.7.1910 Darmstadt, wohnte im Boxheimer Hof, heute Menno-Simons-Straße, hoch betagt lebte er nach dem Krieg in Lindenfels und hatte zwei Töchter. Seine damalige Sekretärin kam aus Abenheim

  • Unterfeldmeister Heinrich Grüning
    wohnte in der heutigen Menno-Simons-Straße, hatte drei Söhne und lebte später in Worms

  • Unterfeldmeister Jakob Seib
    wohnte in der heutigen Eicher Straße und hatte einen Sohn

  • Obertruppführer Philipp Krämer

  • Koch Max Balcerkiewicz
    baute später für seine Familie ein Haus in der heutigen Adolf-Trieb-Straße
 

Die Arbeitsmänner (unterer Dienstrang) wurden in Ibersheim für die Deicherhöhung eingesetzt. Später befasste man sich mehr mit militärischen Aufgaben. Zu diesem Zweck ist ein Gelände Richtung Hamm, zwischen der Straße und dem Entwässerungsgraben, mit einem kleinen Wall hergerichtet worden. Innerhalb dessen waren Landschaftsmodelle angelegt für "Sandkastenspiele". Auch ein kleiner Schießstand war vorhanden. Zur "Hühnerfarm" an der Straße nach Rheindürkheim ist man regelmäßig mit Fahrrädern hingefahren, um zu üben.

Die Dienstleistenden waren paramilitärisch in erdbrauner Farbe eingekleidet. Das Hauptarbeitsgerät war der Spaten. Zum Exerzieren musste er blank geputzt sein und spiegelte sich dabei in der Sonne. Zu bestimmten Anlässen wurden Paraden abgehalten, zu denen auch der Kindergarten eingeladen wurde.

Schriftsteller Ludwig Harig war Arbeitsmann in Ibersheim

Der bekannteste Arbeitsmann im Lager Ibersheim war der deutsche Schriftsteller und Übersetzer Ludwig Harig (* 1927 Sulzbach/Saar). Er wurde zum 12. Dezember 1944 einberufen und Ende Januar 1945 entlassen. In seiner Literatur beschreibt er das fürchterliche Ibersheimer Lagerleben: "Wenn die Hölle der Ort ist, an dem Heulen und Zähneklappern herrscht, dann war Ibersheim die Hölle." Der Feldmeister brüllte die noch nicht einmal 18-Jährigen an: "Ihr lahmen Schleimscheißer, ich werde euch Feuer machen, bis euch die Scheiße im Arsch kocht."

Später um 1950 kehrte Harig noch einmal nach Ibersheim zurück, als es das Lager nicht mehr gab. Er sah sich das abgeräumte Gelände und den Ort an. Die wenigen Bewohner, mit denen er reden konnte, waren eher abweisend der Vergangenheit gegenüber. In seinem Buch von 1990, "Weh dem, der aus der Reihe tanzt", hat er das Wesentliche festgehalten. Damit hat Ibersheim in der deutschen Literatur traurige Berühmtheit erlangt.

Harig fand Anerkennung durch mehr als 15 Auszeichnungen und gefiel dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki von Anfang an. Selbst im hohem Alter, im Juni 2006, erinnerte sich Harig dem Verfasser gegenüber: "An diesen Ort habe ich die schlechteste Erinnerung, die ich je kennengelernt habe."

Gegen Kriegsende war eines Nachts das Lager leer geräumt geworden und der Verfasser wagte sich mit seinen Freunden als erste durch den Zaun in das Gelände und in die Baracken. Bis dahin beobachteten die Buben das tägliche Treiben vom Zaun aus. Das Pflichtlied des RAD von Hans Baumann kannte man schnell, weil es ständig dort lautstark zu hören war: "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt."

Nachdem das Lager fluchtartig verlassen wurde, plünderten die Dorfbewohner dort alles was nicht niet- und nagelfest war und fuhren es mit Handwagen nach Hause. In diesen Zeiten konnte man alles gebrauchen, entweder für den eigenen Gebrauch oder zum Tauschen gegen andere Waren, die es nicht zu kaufen gab. Noch nach Jahren liefen Frauen mit Schürzen herum, aus dem rot- oder blaukarierten Stoff, den sie im Lager vorgefunden hatten.

Fluchtartig geräumtes Lager bot ausgebombten Wormsern "Dach über dem Kopf"

Bei dem schweren Bombenangriff am 21. Februar 1945 auf Worms verloren 239 Menschen ihr Leben. Die Überlebenden und Ausgebombten wurden in der Umgebung untergebracht. Das Ibersheimer RAD-Lager bot damals vielen Wormsern, überwiegend aus dem Nordend, für einige Jahre eine Unterkunft, bis sie wieder zurückkehren konnten.

Viele Bewohner des RAD-Lagers wurden von den Ibersheimern mit Misstrauen betrachtet, denn sie hatten nicht nur Läuse und Wanzen mitgebracht, was zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches war. Sie nahmen sich vieles einfach frech weg, was sie gebrauchen konnten.

In einer Nacht fiel einmal der Strom aus, weil man in dem Auenwald "Mittlach" einen Baum gefällt hatte, der zufällig auf eine Hochspannungsleitung stürzte. Wer gar kein Holz mehr zum Verfeuern hatte, hackte kurzerhand den Fußboden aus der Baracke heraus.

Der alte Lehrer Weber aus Rheindürkheim wagte es einmal, in der Öffentlichkeit zu ermahnen und erhielt dafür sofort Prügel, die später gerichtlich verurteilt wurden. Es waren oft schlimme Jahre bis die "Baracker" wieder zuhause "In den Trumpen" waren.

Unter den Bewohnern war auch Löwendompteur Lenz, der früher im Zirkus auftrat. Mit seiner kräftigen Statur konnte er sicher auch den Löwen imponieren. Von seinen Erlebnissen erzählte er in der Gastwirtschaft, wo ihm der Autor als Bub gerne zuhörte.

Zwangsweise wurden auch Privathäuser belegt

Auch in Privathäusern gab es Zwangseinquartierungen. Im Elternhaus des Verfassers musste sogar die Küche für eine Parteianhängerin geräumt werden. Für kurze Zeit waren zusätzlich auch Frau und Tochter des bekannten Wormser Militärmusikers Philipp Sonntag eingewiesen worden. Der spätere Musikdirektor war von 1946 bis 1959 Chorleiter des Wormser Liederkranz 1875 e. V. In der Bundeswehr leitete er zuletzt, als Oberstleutnant, das Heeresmusikkorps 9 der 1. Luftlandedivision und dirigierte auch den Großen Zapfenstreich. Bis Kriegsende war seine schöne weiße Galauniform (mit großem Hakenkreuz) unter einem Holzstoß in Ibersheim versteckt worden, bis Frau Sonntag sie später verstaubt aber wohlbehalten wieder abholte.

Auch deren Schwägerin, aus der Bäckerei im heutigen Berliner Ring, musste vorübergehend mit ihrer Tochter nach Ibersheim flüchten, um einem weiteren Bombenhagel zu entgehen. Der Brand zuhause verursachte aber solche Unruhe, dass man so schnell wie möglich wieder zurück wollte.

Später erinnerte man sich aber auch an diejenigen gerne, die manchem hier in der schwierigen Zeit mit Rat zur Seite stehen konnten. Es entstanden gute Verbindungen zwischen Ibersheimer Landwirten und Wormser Handwerkern oder Lieferanten, die später, mindestens bis zur Währungsreform, nützlich waren.

Lageplan und die Gesamtansicht des RAD-Lagers

Danke

Ein Beitrag von Edmund Ritscher. Vielen Dank dafür!

 
 
 

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