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Der Deutsche Orden in Ibersheim

Einmal im Jahr wird im Wormser Wäldchen beim "Spectaculum" das Mittelalter lebendig. Vor 500 bis 700 Jahren war dies in Ibersheim der Alltag. Zur Erinnerung an einen der früheren Grundherren hat der kleine Wormser Stadtteil das Ordenskreuz des Deutschen Ordens und die Deutschherrenstraße, von der Hammer Straße abzweigend.

Tatzenkreuz 
Tatzenkreuz
Wappen Ibersheim 
Wappen Ibersheim

Gründung und Bedeutung der Kommende

Ibersheim hat in seinem Ortswappen zur Erinnerung an einen der früheren Grundherren: das Ordenskreuz des Deutschen Ordens und die Deutschherrenstraße, von der Hammer Straße abzweigend. Bereits in der Gründungsphase des Ordens, ca. 50 Jahre nach Erhebung zu einem geistlichen Ritterorden, ist in Ibersheim um 1250 eine Kommende (Ordensnieder-lassung) errichtet worden. Die erste urkundliche Erwähnung war ein königliches Zollprivileg von Rudolf I. von Habsburg an die Städte Oppenheim, Mainz, Oberwesel und Boppard, ausgestellt am 20. Februar 1282.

Die Ibersheimer Kommende bestand mehr als 200 Jahre bis zum Verkauf 1465. Der Konvent (stimmberechtigte Mitglieder) der Ibersheimer Kommende umfasste vor 1420 drei Ritterbrüder und 1451 drei Priesterbrüder. Sie unterstand der Ballei (Ordensprovinz) Koblenz mit Sitz am Deutschen Eck. Das Koblenzer Komturamt erstreckte sich in einem schmalen Streifen entlang des mittleren und niederen Rheines von Ibersheim bis nach Rheinberg und Dieren. Der Koblenzer Komtur war mit seinem Kommendenverband dem Hochmeister direkt unterstellt, nicht dem Deutschmeister. Als Kammerballei zahlte man die Abgaben mit Wein an die Kammer des Hochmeisters. Die Ordensoberen residierten zunächst in Akkon, im Heiligen Land, bis 1291, danach in Venedig, später in ihrem eigenen Staat, dem Deutschordensstaat, von 1309 bis 1454 auf der Marienburg bei Danzig (heute Polen) und danach in Königsberg (heute russische Exklave Kaliningrad).

Die Kommende Ibersheim verfügte über Weideland und Waldbesitzungen. Die wichtigsten Erträge kamen aus der Viehzucht. Für das Jahr 1411 sind bekannt: 4 Reitpferde, 104 Mutterpferde, 16 Fohlen, (vorzugsweise für die adligen Ritter),158 Rindvieh, 134 Schweine. Auch wurden in bestimmten Jahren 1000 Malter (insgesamt ca. 100 Tonnen) Roggen abgeführt.

Ein Haupterzeugnis des Ordens war der Wein, der auch von der Kommende Ibersheim mit dort selbst hergestellten Fässern bis in die flanderischen Städte Antwerpen und Mecheln über den Rhein verschifft wurde.

Adolf Trieb, Kenner der mittelalterlichen Geschichte von Ibersheim und Historiker in Worms schreibt in seinem Buch "Ibersheim am Rhein" 1911: Sehr wahrscheinlich hatte der Orden ihr Gut von früheren Hubnern des St. Paulstiftes erworben, worauf ja bekanntlich die eigenartigen Verpflichtungen der Kommende dem Stift gegenüber hinweisen. Durch Pfändungsvertrag mit den Leiningern waren sie auch lange Zeit im Besitze der Vogtei und hatten infolge ihres Eigentums fast die ganze Allmende in Nutzniessung und die Rechte der frühern Gemeinde.

Sigrid Schmitt erwähnt auch 1992 in ihrem Buch "Territorialstaat und Gemeinde im kurpfälzischen Oberamt Alzey", dass es in Eich und Ibersheim im Verlauf des 14. und 15. Jahrhundert Konflikte zwischen Grundherr und Vogt um die Kompetenzen des grundherrschaftlichen Schultheißen gab.

 
 
 
 

Zollprivilegien auf dem Rhein

Die Zölle auf dem Rhein waren ein finanzielles Hindernis für die Rheinschifffahrt und eine gute Einnahmequelle aller Landesherren, die am Rhein Besitz hatten. Ende des 14. Jahrhunderts gab es sogar ca. 60 Rheinzollstellen. Man stelle sich einmal vor, wenn ein Kaufmann seine Waren von Basel nach den Niederlanden bringen wollte, was er unterwegs alles noch zusätzlich bezahlten musste. Deshalb war es wichtig, dass die Erzeugnisse der Kommende Ibersheim immer zollfrei an ihre vorgesetzte Stelle, zur Ballei Koblenz, verschifft werden konnten.

Allgemein genoss der Orden von Anbeginn an die Freiheit von Zöllen und anderen Abgaben, aber man brauchte immer wieder die Bestätigung dazu. Rudolf I. von Habsburg (+ 15. Juli 1291 in Speyer) war der bekannteste, der bereits 1282 den Ibersheimern Zollfreiheit bis nach Koblenz gewährte. - Der erste römisch-deutsche Kaiser ist überlebensgroß in der Vorhalle und auf der Grabplatte im Speyerer Dom verewigt.

 
 
 

Papst schaltete sich in die Konflikte ein

Ibersheim hatte im Mittelalter zwei Grundherren, das St. Paul-Stift in Worms und der Deutsche Orden in Koblenz. Dies führte zu ständigen Konflikten, die sogar dem Papst im fernen Rom nicht entgangen sind.
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Klaus van Eickels schreibt in seinem Buch "Die Deutschordensballei Koblenz und ihre wirtschaftliche Entwicklung im Spätmittelalter" 1993: Rechtlicher Hintergrund der Streitigkeiten war die Ibersheimer Vogtei, die die Grafen von Leiningen als Lehen der Bischöfe von Worms besaßen und 1285 sowie erneut 1362 dem Deutschen Orden verpfändet hatten. Der Komtur von Ibersheim war daher aufgrund seiner vogteilichen Rechte im Besitz der hohen Gerichtsbarkeit, unterstand aber zugleich, da das Land der Kommende wie alles Land in Ibersheim und den umliegenden Dörfern zum Fronhofverband des St.-Paul-Stiftes gehörte, in hofrechtlichen Fragen dem Hubgericht des Stiftes. Wenn der Orden seit dem frühen 14. Jahrhundert wiederholt versuchte, sich der Verpflichtung zur Teilnahme am Hubgericht zu entziehen, war dies sicherlich zum einen eine Prestigefrage. Der Schiedsspruch von 1432 zeigt jedoch, dass auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle spielten. Das Hubgericht garantierte demgegenüber nicht nur die Rechts-, sondern auch die Wirtschaftsordnung der Dorfgemeinde.

Einer der Gründe für den Konflikt war die Weigerung des Ordens dem St. Paulstift den Heu- und Wiesenzehnten zu entrichten, in einem Wert von 100 Mark Silber. Am 7. Januar 1299 überträgt Papst Bonifatius VIII. sogar dem Dechant des Stifts zu Xanten, als Schlichter, die Entscheidung in der Streitsache zwischen dem Deutschen Haus zu Coblenz und dem Sanct Paul-Stift zu Worms. Am 9. Januar 1300 wird unabhängig davon der Abt von St. Pantaleon zu Köln berufen. Es ist nicht bekannt, ob die beiden Richter etwas unternommen haben oder welchen Ausgang dieser Rechtsstreit genommen hat.

 
 
 

Zins- und Pachtbuch als Kulturgut erhalten geblieben

Die Kommende Ibersheim hatte zwischen 1402 und 1412 ein Zins- und Pachtbuch angelegt. Es verzeichnet die Zinse der Kommende. Die Übersicht zeigt, dass der Einzugsbereich der Kommende Ibersheim etwa 20 km in das linksrheinische Umland hineinreichte und sich somit mit dem Gebiet überschnitt, in dem auch das nahegelegene, jedoch zur Ballei Marburg gehörende Deutschordenshaus Oberflörsheim begütert war. Die Ibersheimer Zinse entfallen etwa zur Hälfte auf Dirmstein, im Übrigen auf Alzey, Heppenheim an der Wiese (Worms-Heppenheim), Hohensülzen, Odernheim, Hamm, Worms, Framersheim sowie Ibersheim selbst. Hinzu kamen Erbpachten von jährlich 217 ½ Malter Roggen von ausgegebenem Ackerland in sechs Orten. Weitere Äcker waren seit 1400 in Zeitpacht ausgetan, außerdem 300 Morgen in Ibersheim zu Drittelbau. Bemerkenswert ist, dass diesen Einkünften nur zu zahlende Zinse im Geldwert von gut 13 rheinische Gulden und Pachten von 41 Malter Roggen gegenüberstanden, d. h. dass die Kommende zu Beginn des 15. Jahrhunderts fast 80 % ihrer Geldeinnahmen und über 90 % ihrer Getreideeinkünfte als Nettoeinnahmen verbuchen konnte.

Im Laufe der Zeit sind im Ibersheimer Zins- und Pachtbuch 12 Orte vermerkt worden, auch das ferne Gültze (Koblenz-Güls). - Das Buch gilt mittlerweile als wertvolles Kulturgut für Ibersheim, weil einen Monat nach Absendung einer Kopie das Original am 3. März 2009 im Historischen Archiv der Stadt Köln verschüttet wurde.

 
 
 

Der Deutsche Orden im heutigen Rheinhessen

Die Kommende Oberflörsheim ist bereits 1237 gegründet worden und lag, damals wie heute, in einer ausgesprochen guten Weingegend. Der Wein war ihr Hauptprodukt und ging über Rhein und Main nach Frankfurt und vor dort weiter an ihre Ballei Marburg. Der Verbrauch an Messwein war, wegen der Wallfahrten zum Grab der Heiligen Elisabeth, relativ hoch. Für Messwein bestand das Reinheitsgebot. Geschönte Weine, mit Zusätzen, hatte man eher in der Messestadt Frankfurt verkauft.

Zwei Wormser Bischöfe waren auch Hochmeister des Deutschen Ordens gewesen:

  • Ludwig Anton von Pfalz-Neuburg (* 9. Juni 1660, + 4. Mai 1694), 49. Hochmeister von 1684 bis 1694.
    In seiner Zeit war er gezwungen, militärische Erfolge zu erzielen: 1683 in der Schlacht am Kahlenberg zur Befreiung von Wien und im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wehrte er sich gegen die Belagerung von Mainz.

  • Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (* 18. Juli 1664, + 6. April 1732, Bruder von Ludwig Anton), 50. Hochmeister von 1694 bis 1732.
    Er veranlasste die Restaurierung des Wormser Domes. Ihm haben wir eines der prächtigsten Palais in Rheinhessen zu verdanken, das Deutschordenshaus in Mainz, zwischen 1730 und 1737 errichtet und heutiger Sitz des Landtages von Rheinland-Pfalz. Franz Ludwig hatte mehrere Ämter inne: Fürstbischof von Breslau, Kurfürst und Erzbischof von Trier und Mainz usw. Er stiftete auch das kaiserliche Infanterie-Regiment mit dem bekannten Marsch "Hoch- und Deutschmeister".
 
 
 

Verkauf aus Geldnot

Der Orden kam in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in eine schwere Finanzkrise. 1410 verlor er die Schlacht bei Tannenberg gegen Polen und Litauen. Danach entstand der Dreizehnjährige Krieg und eine Agrarkrise kam außerdem noch hinzu. Die Ballei Koblenz unterstand dem Hochmeister direkt, sodass der Komtur finanziell zu helfen hatte. Mit seinen Schulden war dies jedoch nicht möglich, sodass der Hochmeister Ludwig von Erlichshausen (mit der Residenz in der Marienburg bei Danzig, heute Malbork in Polen) zustimmen musste, die ertragreiche Kommende Ibersheim zu verkaufen.

Die Besitzungen auf der rechtsrheinischen Seite mit 40 Morgen Wiesen konnten schnell 1463 an Nordheimer Bürger veräußert werden. Einen Käufer für den Ibersheimer Hof zu finden war schwieriger gewesen. Schließlich konnte am 22. Juli 1465 Landgraf Hesso von Leiningen-Dagsberg mit seiner Gemahlin Pfalzgräfin Elisabeth von Bayern (* um 1406, + 5. März 1468) einen entsprechenden Revers unterschreiben und Ibersheim für seine Grafschaft übernehmen. Damit wurde die Deutschherrnkommende in Ibersheim, nach mehr als 200 Jahren, aufgehoben worden.

Der Verkauf brachte eine Summe von 7103 rheinische Gulden und 501 kölsche Malter Roggen. Die sofortige Leistung von 2000 Gulden und die erste Rate von 1000 Gulden wurden an Koblenz ausgezahlt. Weil Hesso am 8. März 1467 in München kinderlos starb und ein Streit um das Erbe einsetzte, stand die restliche Summe noch lange aus. Reinhard von Leiningen, Gemahl von Margarethe und Erbin der Restschuld, versprach 1467 zwar, 4600 Gulden innerhalb der nächsten fünf Jahre an Koblenz zu zahlen, war den Betrag aber 1481 immer noch schuldig geblieben. Aufgrund des Heimfallrechtes belehnte am 14. Juli 1468 Bischof Reinhard I. von Worms den Kurfürsten Friedrich I. von der Pfalz mit dem halben Gerichte und anderen bischöflichen Lehen zu Ibersheim.

 
 
 

Entscheid vor dem kaiserlichen Kammergericht

Am 8. Mai 1481 kam es in Trier zu einem gütlichen Entscheid vor dem damals höchsten Gericht im Heiligen römischen Reich deutscher Nation, dem Kammergericht des Kaisers Friedrich III. von Habsburg (HRR), unter Vorsitz von Kurfürst und Erzbischof von Trier Johann II. von Baden. Bis dahin ist dieser Erbstreit, um Ibersheim und andere leiningischen Orte, durch alle Gerichtsinstanzen gegangen und soll die halbe Grafschaft Leiningen gekostet haben.

Die streitenden Parteien waren:

  • auf der Verkäuferseite von Ibersheim:
    die Deutschordenskommende Koblenz, die immer noch nicht das restliche Geld aus dem Verkauf an Hesso von Leiningen, von dessen Erben, erhalten hatte

  • auf der Käuferseite von Ibersheim und Erbe der restlichen Schulden:
    Graf Reinhard III. zu Leiningen, Herr zu Westerburg, vermählt mit Margarethe, der Schwester und Erbin der Restschuld von Hesso

  • Beistand und Partei für Leiningen:
    Kurfürst Philipp von der Pfalz ist der Nachfolger von Friedrich I., dem Siegreichen, gewesen.


Das Urteil lautete:
Graf Reinhard von Leiningen , Herr zu Westerburg, erhält die Hälfte des Hofes von Ibersheim und hat dem Deutschen Orden in Koblenz 4000 Gulden zu zahlen.

Im gleichen Jahr wurden noch einmal 4600 Gulden bezahlt, sodass ab diesem Zeitpunkt Ibersheim alleine der Kurpfalz gehörte.

 
 
 

Begegnung mit einem Hochmeister

Am 9. August 1988 besuchte der Autor die Schatzkammer des Deutschen Ordens in Wien und hatte dabei die sehr seltene Gelegenheit mit dem 63. Hochmeister (1970 - 1988) Ildefons Pauler (+ 9. Januar 1996 in Wien) über die Kommende Ibersheim zu sprechen. Weil kein anderes Personal zur Verfügung stand, hatte an diesem Tag ausnahmsweise der Hochmeister die Aufsicht gehabt. Anknüpfung war die große Tafel im Eingangsbereich, auf der Ibersheim nicht verzeichnet war. Es stellte sich in einem sehr freundschaftlichen Gespräch heraus, dass dort die Zeit, nach dem Verkauf von Ibersheim 1465, dargestellt ist. In seinem Büro schrieb er in einem gekauften Buch eine kurze Widmung: "Zur frdl. Erinnerung an die Schatzkammer des D. O., P. Ildefons Pauler, Hochm., 9.8.1988" und drückte seinen roten Stempel auf.

Danke

Ein Beitrag von Edmund Ritscher (Mai 2012). Vielen Dank dafür!

 
 
 

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