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Siegfried ist doch verwundbar gewesen!

In der Nibelungensage war Siegfried der große Held, der bis auf eine besondere Stelle unverwundbar war, aber warum?

Hagen ersticht Siegfried mit seiner Lanze (Nibelungenbrunnen in Worms, Foto: R. Uhrig) 
Hagen ersticht Siegfried mit seiner Lanze (Nibelungenbrunnen in Worms, Foto: R. Uhrig)

Dichtung und Wahrheit sind bei einer Sage schwierig auseinanderzuhalten, macht sie aber immer wieder interessant. In der Nibelungensage war Siegfried der bekannte Drachentöter. Er raubte dem Elfenkönig Alberich den Tarnmantel und den Nibelungenhort. Bis auf eine besondere Stelle war der große Held sogar unverwundbar gewesen, aber warum?


Die Schwachstelle zwischen den Schulterblättern

Diese Stelle wird in der Sage besonders hervorgehoben und hat große Bedeutung bei dem Tod von Siegfried erlangt, weil beim Bad im Drachenblut ein Lindenblatt auf den Rücken gefallen sein soll und somit dort kein Schutz mehr vorhanden war. Nur wer diese Stelle kannte, konnte ihm den Tod bereiten. Weshalb ist Siegfried ausgerechnet dort verwundbar gewesen? Weshalb hat Kriemhild diese Stelle auch noch dem hinterlistigen Hagen verraten, der später den hinterhältigen Mord begann. Die verwundbare Stelle hätte auch woanders sein können, ausgerechnet zwischen den Schulterblättern? Ein Lanzenstich führt dort nicht sofort zum sicheren Tod.

 

Aus einem Dreckfleck wird ein Symbol für das Verwundbare.

Wieso kommt die verwundbare Stelle zwischen die Schulterblätter? Man stelle sich einmal einen schwer arbeitenden Mann in praller Sonne mit freiem Oberkörper vor. Heute kann man dies bei Abbrucharbeiten oder früher an der Dreschmaschine erleben. Wie sieht ein Arbeiter an seinem Feierabend aus, voller Staub und Dreck. Wenn er sich dann von grobem Schmutz, mit Wasser und mit seinen Händen reinigt, bleibt am Rücken eine Stelle übrig, die unerreichbar bleibt. Dies ist genau die Stelle zwischen den Schulterblättern. Jetzt stelle man sich noch einen phantasiebegabten Schriftsteller vor, der aus dem Dreckfleck ein Lindenblatt als Silhouette erkennen kann, dann ist die mit den Händen nicht erreichbare Stelle ein Merkmal und ein Ziel für die bekannte hinterlistige Tat von Hagen gewesen.


Das wirkliche Leben schreibt Geschichten.

Wer auf sein "Lindenblatt" verzichten will, braucht heute helfende Hände als Rückenschrubber oder eine Rückenbürste. Im Tierreich hat man ähnliche Probleme. Wir kennen das symbiotische Verhalten aus einem Sprichwort: Was stört es eine Eiche, wenn sich eine Sau daran reibt. Wer früher nicht immer auf Reinlichkeit achten konnte, machte sich zur Zielscheibe und lebte unter Umständen gefährlich.

Dieser Beitrag führt zurück auf eine Begegnung des Autors in seiner Schulzeit um 1950. In der Nachbarschaft seines Elternhauses in Ibersheim, auf dem damaligen Bauernhof von Walter Balß in der Hinterhofstraße, war er einmal kurz auf der Stube des dortigen Bauernknechtes. Im Seitenbau im Obergeschoß traf er ihn mit freiem Oberkörper an. Er hatte sich gerade gewaschen, aber auf seinem Rücken war noch ein dunkler Fleck. Auf einmal wurde Dichtung und Wahrheit aktuell. Der Schüler erschrak zunächst etwas und dachte darüber nach, wie so etwas zustande kommen konnte. Damals hörte er auch zum ersten Mal vom Nibelungenlied. Ihm fiel Siegfried, mit dem Lindenblatt auf dem Rücken, ein und er hatte jetzt die Erklärung dafür vor Augen gehabt. Das Lindenblatt ist eine beschönigende Beschreibung im Nibelungenlied und gleichzeitig die Stelle auf dem Rücken, die normalerweise nur schlecht bei der Körperpflege zu erreichen und zu reinigen ist.

Aus heutiger Sicht betrachtet, muss man sich einmal die Verhältnisse in der unmittelbaren Nachkriegszeit vorstellen: Es gab weder ausreichende Wohnungen, weil vieles zerstört war. Die Industrie und das Handwerk lagen ebenfalls danieder. Infolge dessen gab es auch keine Arbeitsplätze und die Nahrungsmittel waren ohnehin sehr knapp. In dieser Zeit war man sehr froh, wenn man bei einem Bauern eine Beschäftigung fand und bei freier Kost und Logis unterkommen konnte.


Die Unterhaltung pflegt die Seele.

Die Körperpflege alleine genügt nicht, auch die Seele will gepflegt werden. Mit der nüchternen Sprache über die Lebenswirklichkeit erregt man allerdings keine Wirkung, um Balsam zu erreichen. Brot und Spiele sind zwar Gegensätze und gehören doch zusammen, wenn man einmal abschalten will oder muss. In Worms beherrscht man dafür alles. Hier wird jährlich nicht nur das größte Volksfest am Rhein, das Backfischfest, gefeiert. Hier gehören zur Geschichte und zur Tradition vor allem die weit bekannten jährlichen Nibelungen-Festspiele. Um Worms soll das Nibelungenlied entstanden sein. Ein Großteil der Handlung spielte hier um den Dom und wird dort jährlich für unsere Zeit interpretiert.


Edmund Ritscher, Mannheim - Juli 2014