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Hauptfronhof Ibersheim

In der langen 1500-jährigen Ibersheimer Geschichte war die Abhängigkeit der Bewohner zu ihrer Obrigkeit sehr unterschiedlich. Am Beginn stand, wie allgemein in der Region, die Fränkische Landnahme mit der schwierigen Rodung und der Bearbeitung der Böden im Überschwemmungsgebiet des Rheines.

Nachdem man durch die mühsame Arbeit zu Erträgen kam, verlangten die verschiedenen Herrscher einen nicht geringen Anteil für ihre Arbeit zum Wohle ihrer Untertanen. Das war früher nicht anders als heute.


Frei oder unfrei - was war besser?

Im karolingischen Reich schenkten die Ibersheimer 27mal zwischen 767 bis 829 viel Land dem Kloster Lorsch und wurden dadurch unfreie Bauern. Die religiöse Begründung in den Schenkungsurkunden war, dass dies zum eigenen oder zum Seelenheil naher Verwandter geschah. Ein anderer Grund ist aber für die Schenker noch viel wichtiger gewesen. Als Unfreier konnte man sich sogar sicherer im Diesseits fühlen, weil alle Voll-Freien zu dieser Zeit gegenüber dem Herrscher zum Kriegsdienst verpflichtet waren. 

Das konnte bedeuten, dass Karl der Große einmal wieder gegen die Sachsen ziehen wollte und im Frühjahr, wenn die Böden abgetrocknet und für die Pferde genügend Gras gewachsen war, zum Sammeln geblasen wurde. Dann hatte die oft große Familie zuhause keinen Vater mehr und eine Arbeitskraft weniger. Ob er jemals wieder aus einer glorreichen Schlacht zurückkam, war eine andere Frage. Man musste nicht viel Erfahrung sammeln, um sich das Leben mit seiner Familie anders zu gestalten. Frei für den Herrscher oder unfrei für das Kloster war für viele eine leichte Entscheidung und man schenkte gerne.


Leibeigenschaft bestand bereits um 1000

Nachdem der große Besitz des Klosters Lorsch in unserer Gegend, zum Teil an den Wormser Bischof Burchard überging, erhielt das 1016 neue gegründete Paulsstift in Worms als Pfründe Ibersheim als Stifts- oder Fronhof. - Zu dieser Zeit war kirchliches Vermögen eine Einnahmequelle, bevor das Geldwesen funktionierte. Heute zahlt man Kirchensteuer.

Den Ibersheimer Grundbesitz mussten sich der Deutsche Orden und St. Paul in Worms lange Zeit teilen. Ständige Streitereien versuchte sogar Papst Bonifatius VIII. beizulegen. Mit dem Verkauf ihres Geländes, diesseits und jenseits des Rheines, 1465 sorgte der Deutsche Orden für eine Vergrößerung des kurpfälzischen Besitzes. Das Paulsstift hatte 1603 ihre letzten Grundstücke gegen kurpfälzische in Eich eintauscht und nach fast 600 Jahren keinen Besitz mehr in Ibersheim gehabt. Ab dieser Zeit war die Kurpfalz, mit der Hauptverwaltung im Heidelberger Schloss, der alleinige Besitzer in Ibersheim.


Kurpfalz baute ab 1417 ein Schloss

Nach verschiedenen Erwerbungen hatte der pfälzische Kurfürst Ludwig III. sich 1417 die Erlaubnis für den Bau eines Amtshauses in Ibersheim, Schloss genannt, von dem Paulsstift in Worms eingeholt. Danach wurde der Ort auch noch befestigt. Dies war deshalb notwendig gewesen, um die Naturalabgaben in Scheunen und Kellern sicher einlagern zu können.

Die kurpfälzische Regierung konnte für ihren Ibersheimer Hauptfronhof über 100 Leibeigene aus sieben Dörfern verfügen. Den besten Einblick in die damalige Zeit gewähren uns heute die Einzelheiten der Kellereirechnung von 1615, zurzeit von Kurfürst Friedrich V., dem Winterkönig. Die Ibersheimer Arbeiten waren unterschiedlich auf die Leibeigenen in den verschiedenen Orten verteilt worden:

Westhofen
48 Morgen zu Getreide-Korn und 52 Morgen zu Spelz (Dinkel) bearbeiten

Osthofen
47 Morgen zu Getreide-Korn und 50 Morgen zu Spelz (Dinkel) bearbeiten

Alsheim
40 Morgen zu Getreide-Korn und 44 Morgen zu Spelz (Dinkel) bearbeiten

Eich
20 Morgen zu Getreide-Korn und 24 Morgen zu Spelz (Dinkel) bearbeiten
Weidgerechtigkeit (Schafweide) zwischen Gertrudentag (17.3.) und Martinstag (11.11.)

Gimbsheim
15 Morgen zu Korn und 34 Morgen zu Spelz bearbeiten
Hand- und Fronfuhren bei der jährlichen Reparation (Reparatur) an Hofgebäuden, Rheindeich und bei sonstigen Geschäften
Auf diesseitigen Wiesen 60 Morgen Gras mähen und Heu machen, gegen Fronkost.
Sämtliche Früchte einführen, abladen und legen gegen Erstattung der Fronkost.
Sämtlichen Dung auf die Äcker fahren.
Weidgerechtigkeit (Schafweide) zwischen Gertrudentag (17.3.) und Martinstag (11.11.)

Hamm
12 Morgen zu Korn und 17 Morgen zu Spelz bearbeiten
Hand- und Fronfuhren bei der jährlichen Reparation (Reparaturen) an Hofgebäuden, Rhein-deich und bei sonstigen Geschäften
Auf Wiesen jenseits des Rheines Gras mähen, Heu und Ohmet (zweiter Schnitt) machen, heimfahren, abladen und legen. Dafür wurden später 18 Gulden und 8 Malter Korn geliefert.
Sämtliche Früchte einfahren, abladen und legen gegen Erstattung der Fronkost.
Hafer und Gerste, soviel angebaut wurde, mähen gegen 18 Heller je Morgen.
Holz, Kraut und Rüben ausmachen und einfahren gegen Fronkost (Morgensuppe, Mittags-imbiss und Unteressen, zwischen 11 und 13 Uhr).
Weidgerechtigkeit (Schafweide) zwischen Gertrudentag (17.3.) und Martinstag (11.11.)

Rheindürkheim
4 Morgen zu Korn und 5 Morgen zu Spelz bearbeiten
Hand- und Fronfuhren bei der jährlichen Reparation (Reparaturen) an Hofgebäuden, Rhein-deich und bei sonstigen Geschäften
Heu und Ohmet von allen Wiesen heimführen, abladen und legen.
Sämtliche Früchte einführen, abladen und legen gegen Erstattung der Fronkost.

Jede Gemeinde erhielt als Lohn 6 ½ Albus (30 Albus = 1 Gulden) Frongeld. Außerdem waren bei der Ernte noch jeweils 14 Morgen Getreide zu schneiden, zu binden, aufzuhaufen und zusätzlich kamen noch 2 Arbeitstage hinzu. Nach diesen Angaben, hatten die ca. 100 kurpfälzischen Leibeigenen aus den sieben Orten jährlich 510 Morgen Getreideflächen in Ibersheim zu bearbeiten.
Die Ibersheimer selbst waren als Hubner (Landbesitzer) nicht frondienstpflichtig, hatten aber dem Obereigentümer jährlich Naturalien als Zins zu zahlen.


Ab 1651 wurde Ibersheim an einen Niederländer verpachtet.

Nach dem 30-jährigen Krieg (1618 - 1648) ist der Hof nicht mehr über das kurpfälzische Oberamt Alzey von einem Verwalter vor Ort bestellt worden. Zu dieser Zeit war das Land "wüst und leer" und Worms hatte nur ca. 3000 Einwohner gehabt. Zum Wiederaufbau musste man sich Helfer und spätere Steuerzahler aus weiter Ferne holen.

Der erste Pächter war Heinrich von Mauderich aus dem heutigen Maurik in der Nieder-Bettau gelegen. Er war ein Edelmann aus dem Gelderland, den heutigen Niederlanden. (Am 16.3.1651 heiratete er in Maurik Anna Geertruit/Gertrud Lintuis.) Seine Arbeiter kamen aus verschiedenen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Salzburger Land. Nach ca. zehn Jahren konnte der Edelmann Heinrich die Erwartungen als Pächter nicht mehr voll erfüllen. Wahrscheinlich fiel er auch in Ungnade, weil er sich zusätzliche Einnahmen als Raubritter auf dem Rhein, mit einer illegalen Zollstelle, verschaffte. Er hatte damals mit den Bewohnern der Burg Stein auf der anderen Rheinseite zusammengearbeitet. Sein adliger Landsmann Henricius/Hendrick van Alss/Aelst, der ab 1658 in Ibersheim wohnte, half ihm sicher dabei. Weitere Helfer kamen aus der Ober-Betaue, heute Overbetuwe, ebenfalls im Gelderland.

Im Nachbarort Hamm siedelte damals eine weitere Familie aus dem Gelderland. Deren Nachfahren leben dort heute noch und nennen sich jetzt Knippenberger. Einer dieser Zweige wird hier einmal kurz dargestellt:

Cornelius Knippenburck (1600 Gelderland - 1661 Hamm), verheiratet mit Gertrud
* Bernhard Knippenburck (1640 - 1710), verheiratet mit Clara (1644 - 1673)
** Johann Hans Veltin Knippenberg (1670 - 1712), verh. 1701 mit Anna Clara Ritscher
*** Bernhardt Knippenberg (1703 - 1764), verh. mit Johanna Maria Trais (1710 - 1763)
**** Johann Georg Knippenberg (1744 - ), verh. 1767 mit Anna Margaretha Becker
***** Johann Adam Knippenberg (1779 - 1858), verh. 1801 mit Justina Ritscher (1779-1836)
****** Joh. Jacob Knippenberg (1809 - 1854), verh. 1835 Anna Elis. Kappes (1815 - 1854)

In Eich gibt es heute die Familie Kester. Es muss angenommen werden, dass der Familienname ursprünglich van Kesteren hieß, mit dem Gemeindenamen Kesteren aus dem Ort Nieder-Betaue (Neder-Betuwe) ebenfalls im Gelderland. Die Ursprünge reichen dort bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts in den Ort Beuningen mit der Gemeinde Weurt.


Ab 1661 waren Schweizer Siedler die Pächter.

Kurfürst Karl-Ludwig regierte sehr lange die Kurpfalz von 1648 bis 1680. Er bemühte sich intensiv um den Wiederaufbau nach dem verheerenden 30-jährigen Krieg. Bei seinen Untertanen war er beliebt, weil er die Regierungsgeschäfte genau kontrollierte und erfolgreich war. Er wollte sogar in Worms seine Hauptstadt, mit allen üblichen Einrichtungen, errichten, was jedoch von der Kaiserstadt Worms 1659 abgelehnt wurde. Deshalb steht heute das kurpfälzische Schloss in Mannheim.

1661 sind Schweizer Pächter aus der Zürcher Gegend angesiedelt worden, die Berner kamen zehn Jahre später. Ihnen stellte man einen Erbbestandsbrief aus, der 1802 letztmalig erneuert wurde. Wegen des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1688-1697) sind 1693 alle Ibersheimer geflohen. 1698 kam nur noch der mennonitische Bevölkerungsanteil zurück. Noch heute kann man deren stattliche Höfe aus der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts am Ortseingang von Rheindürkheim bewundern, weil nach deren Erbfolge der gesamte bäuerliche Betrieb immer bei dem erstgeborenen Sohn blieb. Diese Religionsgemeinschaft musste neben dem Pachtzins noch zusätzlich Schutzgeld zahlen. An dem über Jahrhunderte bestehenden Frondienst hat sich jedoch nichts geändert. Bis zur Zeit der Französischen Revolution (1789-1799), kamen die kurpfälzischen Helfer auf Anordnung des Oberamtmanns in Alzey für bestimmte Arbeiten zum Hauptfronhof Ibersheim. Einzelheiten waren dazu klar geregelt, besonders die Verpflegung, sodass es für diese Leute sogar eine Art Ausflug war, wenn sie mit Fuhrwerken hier ankamen. Arbeiten waren sie gewohnt. Essen und Trinken waren jedoch eine wichtige Voraussetzung für gutes Arbeiten.

1795 ist das Kameralgut/Kammergut (Domäne) zum französischen Nationalgut erklärt worden. Die Erbbeständer konnten danach, das von ihnen bebaute Land, billig kaufen und kamen so zu großem Wohlstand.

Die Ibersheimer hätten die große Gemarkung nie alleine bearbeiten können, sodass die Obrigkeit immer, über 750 Jahre lang, mit ihren Leibeigenen, mindestens für Saisonarbeiten, ausgeholfen hatte. Mit den Nachbarorten wurden die vertraglich festgelegten Fronden Ende des 18. Jahrhunderts, noch vor der Französischen Revolution, gegen Entschädigungssummen oder gegen neue Weiderechte aufgelöst:
* 1777 mit Hamm
* 1785 mit Eich
* 1792 mit Westhofen, Osthofen, Alsheim und Gimbsheim
* während der Revolutionskriege mit Rheindürkheim


Neuer Name für alte Fron?

Die mittelalterliche Fron, der Zehnte oder die heutigen Steuern und Abgaben sind notwendig und ärgerlich zugleich, weil man meint sie seien zu hoch. Wer heute als Arbeitnehmer vorgerechnet bekommt, dass er mindestens das erste halbe Jahr nur für den Staat arbeitet, damit er seine Steuern und Gebühren bezahlen kann, würde sich gerne mit dem mittelalterlichen Zehnten begnügen und keine Wehrpflicht mehr leisten wollen.

Quelle:
Adolf Trieb (1874-1950), Lehrer in Ibersheim (1902-1903) und Worms (1914-1938):
Ibersheim am Rhein, Eppelsheim/Worms 1911, S. 19 - 21 oder mit gleichem Text und Bildern in: Vom Rhein, Monatsschrift des Altertums-Vereins für die Stadt Worms, Januar 1911, S. 14.

Edmund Ritscher, Mannheim September 2014

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