Zum Inhalt (Access key c)Zur Hauptnavigation (Access key h)Zur Unternavigation (Access key u)
Schriftvergrößerung
AAA

Kriegsende in Ibersheim unter Deutschen

Zwischen Leben und Tod eines Menschen ist leider auch Krieg und Frieden. Für den letzten Krieg, den wir in unserer Heimat hautnah erleben mussten, gibt es immer weniger Zeitzeugen. Unsere Nachkommen werden aber noch lange von anderen daran erinnert werden.

Mitten in Europa wurde ein Weltkrieg ausgelöst

Der Zweite Weltkrieg wurde von der Nationalsozialistischen Regierung des Dritten Reiches gegenüber seiner unmittelbaren Nachbarn am 1. September 1939 gegen Polen, ohne Kriegserklärung, begonnen. Daraufhin erklärten am 3. September Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg.

In dem nachfolgenden Kriegszustand kam es zur Schreckensherrschaft gegenüber dem eigenen Volk mit Propaganda und Gewaltausübung. So etwas ist nach 60 Millionen Toten in sechs Jahren Krieg heute leider immer noch möglich, wie wir fast täglich in den Nachrichten erkennen müssen.

Nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten 1933 wurde das Land mit einer Parteihierarchie bis in das kleinste Dorf durchorganisiert. Der totalitäre Staatsapparat verwaltete, vereinheitlichte und kontrollierte von Berlin aus fast alle Lebensbereiche.

Das Tausendjährige Reich ging nach sechs Jahren langsam, sehr verlustreich aber unaufhaltsam zu Ende. Die alliierten Verbände, Amerikaner, Engländer und Franzosen, waren gezwungen, sich mühsam das deutsche Land Stück für Stück zu erobern.

Leben in Angst und Schrecken

Unsere Bevölkerung musste in vielfältiger Weise, bis zum Einmarsch der Amerikaner im März 1945, in Angst und Schrecken leben. Es ging meistens nur noch um das Überleben: Von oben kam der Bombenhagel und legte zuletzt am 21. Februar 1945 Worms in Schutt und Asche und brachte für 239 Menschen den Tod. Die Tiefflieger schossen tagsüber auf alle, die sich außerhalb bewegten. 

Selbst sein Leid konnte man jemanden nicht anvertrauen. Wer nicht an den Endsieg und die Wunderwaffen glaubte und dies auch noch weitersagte, spielte mit seinem Leben. Nur wenige Kilometer weiter in Osthofen war eines der ersten Konzentrationslager (KZ) in Deutschland gewesen.

In Ibersheim war ein Lager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) in dem die Arbeitssoldaten eine militärische Ausbildung erhielten und für verschiedene Infrastrukturmaßnahmen eingesetzt wurden, wie Abwassergräben ausheben oder Hochwasserdämme erhöhen. Einer der bekanntesten Lagerinsassen war der spätere Schriftsteller Ludwig Harig (* 1927). In seinen Schriften beschrieb er die Ibersheimer Zeit als das Schlimmste, was er je erlebt hatte und wiederholte dies auch noch in einem Telefonat mit dem Autor.

Die Arbeiten in der Landwirtschaft wurden von Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeitern verrichtet, die meistens aus Osteuropa kamen. In einem kleineren Bauernhof waren alle, unter heute menschenunwürdigen Zuständen, untergebracht. Kurz vor der Sprengung der Brücke bei Gernsheim am 16. März 1945 hatte man diese Leute auf die andere Rheinseite gebracht.

Die Gesinnung der Bevölkerung wurde ständig von den politisch Verantwortlichen geprüft. Wer irgendwie als unzuverlässig galt oder sich verdächtig benahm, bekam "Besuch" und konnte abgeführt werden. Ibersheim, scheinbar am Ende der Welt, war von dieser Vorgehensweise nicht verschont geblieben. Dafür sorgte die einzige und allgegenwärtige Partei. - Wir erinnern uns an das, was vor wenigen Jahrzehnten in unserem wieder vereinigten Vaterland immer noch passierte.

Skizze des Autors einer Panzersperre in Ibersheim

Lebensmittelkarten von 1938

Der letzte Geheimbefehl

Für unsere Gegend war als Gauleiter für Hessen-Nassau und Reichsverteidigungskommissar Jakob Sprenger in Frankfurt verantwortlich. Seinen letzten Geheimbefehl gab er am 15. Februar 1945 in Frankfurt (Main) heraus, der jeglicher Brutalität Tür und Tor öffnete und zeigt wie zuletzt regiert wurde:

"NSDAP - Gauleitung Hessen-Nassau - Az. II/35 B5768g
An die Herren Kreisleiter des Gaues Hessen-Nassau!
Betr.: Vorgehen seitens der Partei zur Inschachhaltung der Volksgenossen bis zum Kriegsende.
Bezug: Befehl der Parteikanzlei vom 10. Februar 1945 (Geheim).

Ich ersuche die Herren Kreisleiter bei der nächsten Dienstbesprechung mit den Herren Ortsgruppenleitern folgendes zu besprechen und weise hiermit gleichzeitig auf die Geheimhaltung und das radikale Vorgehen bei diesen Maßnahmen hin.
1. Jeder Volksgenosse muß einer strengen Kontrolle betr. seiner politischen Festigkeit und Willenskraft unterzogen werden.
2. Werden bei dieser Kontrolle Schwächlinge gefunden, d.h. Volksgenossen, die innerlich evtl. den Gedanken haben oder haben könnten, der Krieg geht verloren für uns oder wir hören doch am besten auf zu kämpfen usw., so sind diese Volksgenossen wieder mit neuer Kraft zu stärken und ihnen wieder der Glaube an Adolf Hitler zu erwecken.
3. Werden Volksgenossen festgestellt, die verbreiten, daß der Krieg für uns verloren sei, und wenn wir kurz davor stehen, so ist mit allen Mitteln diesem Gerücht entgegenzuarbeiten.
Die Herren Kreisleiter wollen sich diese Volksgenossen melden lassen und wollen je nach der Lage des Gerüchts bei der Gauleitung die Verhaftung durch die Gestapo beantragen.
Ich halte hier und da eine Verhaftung oder Zuführung einiger Volksgenossen ins KZ als die geeignetste Maßnahme zur Beseitigung der Gerüchteverbreiter.
4. Die Herren Ortsgruppenleiter müssen unbedingt dafür sorgen, daß jeder den Kopf hochhält bis zur letzten Stunde, denn wenn hinter der Front der Mut und die Wut gegen die Feinde sinkt, dann geht der Krieg für uns verloren.
5. Ich gebe hiermit den Befehl, Volksgenossen, die sich bei Annäherung des Feindes nicht verteidigen oder Flucht ergreifen wollen, rücksichtslos mit der Waffe niederzuschießen oder, wenn es angebracht ist, zur Abschreckung der Bevölkerung mit dem Strang hinzurichten.
gez. Sprenger, Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar
Hitler überbot noch diesen Befehl: Wer Euch Befehle zum Rückzug gibt, ist nötigenfalls augenblicklich umzulegen."

Quelle: Albert Geipert: 1933 - 1945 - doch der Rhein floss weiter, Riedstadt 2003
"Jakob Sprenger (1884 - 1945), NS-Gauleiter und Reichsstatthalter in Hessen" ist der Titel des Buches von 1999 mit der Dissertation an Stephanie Zibell. In ihrem Vortrag im Staatsarchiv Darmstadt berichtete sie auch über Einzelheiten zu dem Selbstmord am 7. Mai 1945 in Kössen, Tirol.

Aus Angst und Verzweiflung hilfloses Opfer gesucht

Der Autor kann als Zeitzeuge berichten, wie gegen Ende des Krieges diese Befehle umgesetzt wurden: Auf einmal standen fünf Verantwortliche vor unserer Mutter. Es waren der Ortsgruppenleiter, der Bürgermeister, zwei Beisitzer und der Kreisleiter aus Worms (die Namen sind bekannt). Der Kreisleiter war der Wortführer. 

Er wiederholte, was der "Führer" zuletzt über den Volksempfänger (Radio) gesagt hatte. Unserer Mutter machte man massive Vorhaltungen, deren Anlass sie zunächst nicht verstand. Sie konnte dem nur mit persönlichen Hinweisen begegnen, dass ihr Ehemann als erster Ibersheimer in den Krieg ziehen musste und sie seit vielen Monaten kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten hätte. Jetzt sei sie mit ihren beiden kleinen Kindern alleine. Mit dieser Notlage begnügte man sich anscheinend und zog wieder ab, hinterließ aber einen Nervenzusammenbruch bei unserer Mutter, die danach immer wieder behauptete, dass man die Absicht gehabt hatte, sie "abzuführen". - Bei einer solchen niederträchtigen Vorgehensweise, gegenüber einer in jeder Hinsicht wehrlosen Frau, musste man später noch in einer kleinen Dorfgemeinschaft leben.

Von Schrecken und Tod befreit und das Leben musste weitergehen

Am 21. März 1945 um 12 Uhr war für Ibersheim mit der Einfahrt der amerikanischen Streitkräfte der Krieg zu Ende. Vorher hatte man noch schnell die Panzersperre in der Hammer Straße wieder abgebaut. Damit hatte man den Krieg überlebt, aber das Leben selbst war weiterhin schrecklich, weil es kaum etwas zu Essen gab.

Edmund Ritscher, Mannheim - Februar 2014

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen