Zum Inhalt (Access key c)Zur Hauptnavigation (Access key h)Zur Unternavigation (Access key u)
Schriftvergrößerung
AAA

Ibersheimer Schenkungen an das Kloster Lorsch

Die Orte unserer Umgebung sind stolz auf ihr Alter und können meistens noch auf eine 1200-jährige Weinbautradition verweisen. Das haben wir fast immer den Schenkungsurkunden des Klosters Lorsch zu verdanken. Von Ibersheim gibt es sogar 27 Urkunden als älteste schriftliche Geschichtsquelle zwischen 10. Februar 767 und 13. April 829, aus der Zeit von Karl dem Großen, der im Oktober 783 in Worms Fastrada heiratete.

Auszug aus dem Lorscher Kodex, Quelle: Staatsarchiv Würzburg
Auszug aus dem Lorscher Kodex, Quelle: Staatsarchiv Würzburg

Was und warum wurde geschenkt?

Man schenkte natürlich das was man hatte und was einem wertvoll war, überwiegend Weinberge. 

Deshalb konnte auch für Ibersheim eine 1200-jährige Weinbautradition festgestellt werden und erst recht für die vielen anderen heute bekannten Weinorte der Region.

 

Dafür gab es zwei Gründe für Schenkungen, je einen für das Diesseits und einen für das Jenseits. Im frühen Mittelalter war die Gesellschaft aufgeteilt in Adel, Vollfreie und Halbfreie. Die ländlichen Grundbesitzer gehörten dem Landadel an oder waren Vollfreie. 

Beide Gruppen sind für die Verteidigung ihrer Gebiete zuständig gewesen, weil jeder freie Mann zum Heer gerufen werden konnte. Das kam bei Karl dem Großen mit seinen Sachsenkriegen oft vor. Es ist gut vorstellbar, dass ein Familienvater nach einem Heerzug, von dem er wieder glücklich nach Hause kam, seinen Stolz ablegte und seinen Besitz an das Kloster verschenkte. 

Mit diesem Akt hat er sich zwar selbst zum Halbfreien/Hörigen gemacht, aber gleichzeitig vom Kriegsdienst befreit und war immer zuhause bei seiner Familie geblieben. Danach war er nicht mehr Eigentümer, sondern nur noch Besitzer und bearbeitete seine ehemaligen Weinberge mit Abgaben an das Kloster.

Die Schenkungen erfolgten, den Urkunden nach, zum eigenen Seelenheil oder naher Verwandten. Der Glaube war für die Menschen wichtig und keiner wollte später in das Fegefeuer kommen. Die damalige allmächtige Kirche prägte die Wertvorstellungen. Zweifel waren, bis Luther, nicht erlaubt.

Welche grundlegenden Veröffentlichungen gibt es zu diesem Thema?

Andreas Lamey: Codex principis olim Laureshamensis
abbatiae diplomaticus ex aevo maxime carolingico diu multumque desideratus, edidit recensuit et praefata est Academie elect. scient. et elegant. lit. Theodoro - Palatina,
Kurpfälzische Akademie der Wissenschaften unter Kurfürst Karl Theodor, Urfassung des gedruckten Kopialbuches, Mannheim 1768-1770:
* Tomus primus, Mannheimii Typis Academicis, MDCCLXVIII (1768), Nr. 1-818
* Tomus secundus, Mannheimii Typis Academicis, MDCCLXVIII (1768), Nr. 819-3030
* Tomus tertius, Mannheimii Typis Academicis, MDCCLXX (1770), Nr. 3031-3836

Karl Glöckner: Codex Laureshamensis (CL):
* 1. Band, Einleitung Regesten Chronik, Darmstadt 1929
* 2. Band, Kopialbuch, I. Teil: Oberrhein-, Lobden-, Worms-, Nahe- und Speiergau, 1933;
* 3. Band, Kopialbuch, II. Teil: Die übrigen fränkischen und die schwäbischen Gaue
Güterlisten, späte Schenkungen und Zinslisten, Gesamtregister, Darmstadt 1936.

Karl Josef Minst: Lorscher Codex, Deutsch
Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch, Nach dem lateinischen Text der Urschrift, wiedergegeben von Lamey (1768-1770) und Glöckner (1929-1936):
* Lorscher Codex I, Chronicon, Schenkungsurkunden Nr. 1-166, Lorsch 1966
* Lorscher Codex II, Schenkungsurkunden Nr. 167-818, Oberrhein- und Ladengau, 1968
* Lorscher Codex III, Schenkungsurkunden Nr. 819-1999 Wormsgau, Lorsch 1970
* Lorscher Codex IV, Schenkungsurkunden Nr. 2000-2910 Oberrhein- und Ladengau, 1970
* Lorscher Codex V, Schenkungsurkunden Nr. 2911-3836, Lorsch 1971
* Lorscher Codex VI, Registerband, Lorsch 1972

Wo wurde geschenkt?

Das Kloster Lorsch und auch andere Klöster, Stifte oder Kommenden erhielten viele Schenkungen und sind im Laufe der Zeit zu mächtigen Grundbesitzern geworden. Der Lorscher Streubesitz reichte in ihrer größten Ausdehnung von Chur in der Schweiz bis nach Holland und war im Wormsgau mit 1180 Gütern besonders groß gewesen. Die Anzahl der Schenkungen häuften sich zurzeit von Karl dem Großen, waren jedoch von Dorf zu Dorf unterschiedlich.

Auch untergegangene Orte sind mit Lorscher Schenkungsurkunden heute noch bekannt:
* Zullestein mit der Burg Stein lag an der Weschnitzmündung. König Ludwig II. der Deutsche (um 806-876) schenkte Werinhar/Werner (CL 26 vom 26.5.836) Güter, Leibeigene und Hörige in Biblis (mit Kirche und Herrenhof), Wattenheim und Zullestein (mit Hafen). Diesen Besitz schenkte Werner weiter an das Kloster Lorsch (CL 27 vom 30.7.846).

* Lochheim, lag am Rhein zwischen Eich und Hamm. Dort wurde nach dem Nibelungenschatz von Hans Jörg Jacobi archäologisch gesucht. Der Ort ist mit acht Schenkungsurkunden (CL 186-193) bekannt.

* Rudolfsheim, lag am Rhein und ist später hochwassersicher als Ludwigshöhe verlagert worden. Schenker waren: Artger mit einem Weinberg (1851), Witto mit einem Weinberg (CL 1858), Ranuold mit einem Weinberg (CL 1859) und Eberhold schenkte alles in neun Orten der Umgebung: Rudolfsheim, Eich, Hamm, Alsheim, Dienheim, Oppenheim, Groß- und Klein-Rohrheim (CL 1860).

In Städten konnte naturgemäß wenig Gelände geschenkt werden, deshalb gibt es für Worms nur fünf Schenkungen (CL 819-23) an das Kloster Lorsch.

Chronologische Übersicht der Schenkungen

Wer war in und um Ibersheim begütert?

Bei Vergleichen mit Schenkern in anderen Orten, stellt man fest, dass es einen Landadel mit breit gestreutem Besitz gab. Diese Personen hatten auch vielfältige Beziehungen zueinander gehabt, die verwandtschaftlicher, gesellschaftlicher oder hierarchischer Art waren. 

Mit der Zuordnung, die aufgrund der Quellenlage oft sehr schwierig und nicht immer eindeutig war, haben sich einige Wissenschaftler befasst.

Dr. Willi Alter (1916-2005), in Worms geboren, langjähriger Präsident der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (1981-1998), veröffentlichte dazu in den Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz:
- Ruding, Eberwin und Einold in karolingischer Zeit im nördl. Oberrheingebiet, 1995, S. 85
- Die klösterlichen Wohltäter der karolingischen Zeit in Deidesheim, Friedelsheim und
Gönnheim, Speyer 1999, S. 306
- Graf Gerold und Frau Imma - Besitz, Familie und personelles Umfeld, Speyer 1996, S. 75
- Gerold und seine Söhne Adrian und Eribo von 793, eine Ergänzung, Speyer 2000, S. 83-96.

Sieghardinger
* Adeltrud, , schenkte 770 bis 778 viermal Ibersheimer Güter, 11 Weinberge/Rebpflanzungen
(CL 1403, 1489, 1478, 1488), verheiratet (oo) mit Graf Eberhard, begütert um Mannheim deren Kinder waren:
** Engiltrut, begütert in Heidelberg-Handschuhsheim, oo Werner I. (Wikipedia: Werner (Präfekt des Ostlandes) schenkte 812 eine Hofreite in Rheindürkheim (CL 1003).
** Sigihard im Kraichgau, nach dessen Nachkommen die Sieghardinger (Wikipedia: Sieghardinger) benannt sind.

Geroldonen
Egilolf/Agilolf, * um 730, verheiratet mit Herswinda,
- schenkte zwei Morgen Land in Freimersheim (Alzey) und einen Weinberg in Bodenheim oder Erbes-Büdesheim (CL 1766),
- verkaufte in Erbes-Büdesheim zehn Joch Ackerland, erhielt dafür ein Pferd (CL 1895),
- schenkte einen Weinberg in Eimsheim (CL 1940):

* Gerold I. (Wikipedia: Gerold von Anglachgau), oo Imma, Tochter von Hnabi (Wikipedia: Hnabi).
- schenkte mit seinem Vater Egilolf sieben Morgen Ibersheimer Land, (CL 1493),
- schenkte eine Hofreite in Dalheim, bei Oppenheim (CL 1870)
Mit seiner Frau Imma machte er eine große Schenkung. Sie gaben dem Kloster alles was sie besaßen, Hofreiten, Felder, Wege und Stege, Weinberge, Leibeigene, Wälder, Gewässer:
- im Wormsgau: , in: Eich, Mettenheim, Osthofen
- im Ladengau/Lobdengau: in Heidelberg-Bergheim, Trutolfesheim (Plankstadt) und Plankstadt
- im Angelgau(Anglachgau: Mulnen (um Wiesloch),
- im Kraichgau: Menzingen, Öwisheim
- im Ufgau: Sickingen, Heidelsheim, Heggenstein, Huttenheim, Rheinsheim, Helmsheim, Rußheim. "Wir geben alles dahin, was wir in diesen obengenannten Ortschaften besitzen.
Die Schenkung ist damit in Rechtskraft erwachsen." (CL 1880). - Ihre Kinder waren:

** Hildegard, 757-783, (Wikipedia: Hildegard (Karolinger)), dritte Frau von Karl der Große (Wikipedia: Karl der Große).
** Megingoz schenkte; mit seinem Neffen Uodo; eine Hofreite in Mettenheim (CL 1835) und den Anteil an der Basilika des Hl. Lantbert, der von seinem Bruder Gerold hinterlassen hatte (Hofstätten, Gebäude, Äcker und Weinberge (CL 1974).
** Erkenbert und Gemahlin Engilrat schenken innerhalb der Ringmauer von Mainz eine Hofstätte mit Haus (CL 1985).
** Gerold II. (Wikipedia: Gerold der Jüngere)
** Udalrich
** Uto/Hutto und Irmendrud schenkten 772 einen Ibersheimer Weinberg (CL 1497)
** Adrian, schenkte für seinen Bruder Eribo eine Hube und eine Hofreite in Flonheim
** Eribo

In den 27 Ibersheimer Schenkungsurkunden sind 27 verschiedene Namen von Schenkern enthalten, die teilweise noch in anderen Orten begütert waren:

* Iburn, der Namensgeber von Ibersheim, schenkte drei Morgen Land (CL 1490) in Ibersheim und drei Morgen in Hahnheim (CL 1923).
* Frodwin/Fruotwin schenkte mit Frowirat/Frawirata
- in Ibersheim mit seiner Gattin Frowirat neun Morgen Land und ein Weinberg (CL 1480),
- in Worms-Heppenheim an der Wiese fünf Tagwerk Ackerland und eine Wiese (CL 884);
- in Mannheim-Seckenheim zwei Morgen Ackerland,
- in Plankstadt eine Hofreite,
- in Heidelberg-Bergheim, vom Vater gerodetes Gelände für einen Weinberg (CL 628).
* Radulf schenkte in Ibersheim ein Weinberg und Land für einen Weinberg (CL 859), in Gau-Heppenheim zwei Morgen Ackerland und vier Joch Ackerland zwischen Harxheim (Pfrimm), in Niefernheim. (CL 908) und in Flonheim.
* Rachian schenkte in Ibersheim eine Hofreite mit Haus und Bauerngut (CL 1495) und mit gleicher Urkunde in Harxheim (Pfrimm) eine Wiese.
* Rucher/Rucger schenkte in Ibersheim ein Weinberg (CL 1419), in Harxheim (Pfrimm) drei Morgen Land (CL 914) und in Mettenheim mit Erlefrid ein Weinberg (CL 1830).

Wer hat das Kloster Lorsch gegründet?

Das spätere mächtige Reichskloster Lorsch war eine Benediktinerabtei, die 763/764 von Williswinda (als Witwe) und deren Sohn Cancor als Eigenkloster gestiftet wurde. Die Stifterfamilie entstammt dem Geschlecht der Robertiner aus dem Wormsgau:

Adelhelm/Adalheim (um 680 Worms - 764 Worms), Graf von Wormsgau, oo Alleaume von Burgund, deren Tochter:
* Williswinda (Wikipedia: Williswinda), oo Robert I. (Wikipedia: Robert I. (Worms- und Oberrheingau)) Graf im Worms- und Oberrheingau, Herzog von Haspengau (Belgien), deren Kinder:
** Cancor (Wikipedia: Cancor), Graf in Alemannien und im Oberrheingau, oo Angilo
** Landrada (ca. 735 - 809), oo Werner I. (ca. 732 - 794), Graf von Hornbach
** Lambert III. (* ca. 720-740), oo Gerberge von Laon (* ca. 730)
** Thüringbert (ca. 745 - Juni 770), Graf im Worms- und Rheingau
** Anselm (+ 778), Pfalzgraf
Bischof Chrodegang von Metz (um 715-766) (Wikipedia: Chrodegang), Gründer des Klosters Gorze, war ein Verwandter der Stifter gewesen. (Wikipedia: Chrodegang). Ihm wurde 764 das Kloster Lorsch übertragen, damit die ersten Mönche von Gorze nach Lorsch kommen konnten. Nachfolger von Chrodegang, dem ersten Abt in Lorsch, war sein Bruder Abt Gundeland.

Das Kloster Lorsch ist seit 1991 Weltkulturerbe der UNESCO und auch geschütztes Kulturgut nach der Haager Konvention.

Wo sind die Urkunden heute?

Die Originale der ursprünglichen Schenkungsurkunden, zur Dokumentation der Rechte und des Besitzes, gibt es schon lange nicht mehr. Sie wurden jedoch in Kopialbüchern im 12. Jahrhundert (1170-1195) im Skriptorium, der klösterlichen Schreibstube, zusammengefasst. 

Obwohl 1232 das Kloster Lorsch dem Erzbischof von Mainz unterstellt wurde, blieb der Codex mindestens noch bis 1473 in Lorsch. Danach kam er nach Heidelberg. Vor 1712 muss er nach Mainz gekommen sein (Glöckner). Zur Zeit der Französischen Revolution ist er in der Mainzer Sommerresidenz Aschaffenburg ausgelagert worden. 

Heute wird der wertvolle Buchschatz im Staatsarchiv Würzburg auf der Feste Marienberg aufbewahrt. Nach der Beständeübersicht kommt man über I. Altbestände, 3. Stifte und Klöster zu b. Mainzer Bereich auf die Signatur: Mainzer Bücher verschiedenen Inhalts Nr. 72. Dort sind die Ibersheimer Schenkungen in Folio 78, 110 und 114 (v und r) immer noch und sicher erhalten.

Nach etwa 1200 Jahren können wir mit Verwunderung feststellen, dass es eine Art von Geburtsurkunden oder Grundbuch für unseren Heimatort gibt. Dazu erhalten wir einen Einblick in die Zeit Karls des Großen. Gleichzeitig erfreuen wir uns aber auch an der karolingischen Schrift, der Buchmalerei und den Initialen, die auch in unserer Zeit, als dekorativ empfunden werden. Spätestens jetzt ist bekannt, dass wir schon seit alters her in einem gesegneten Land wohnen.

Edmund Ritscher, Mannheim - November 2014