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Familie Heyl

Ob Lederwerke, Museum, Kunstsammlungen oder prächtige Bauten wie Herrnsheimer Schloss oder Heylshof: Wohl kaum eine andere Familie hat solch bedeutende Spuren in der Geschichte und im Stadtbild von Worms hinterlassen, wie die Industriellenfamilie von Heyl.

Hinterließ der Stadt das Kunsthaus Heylshof: Cornelius Wilhelm von Heyl zu Herrnsheim (Bildquelle: Stadtarchiv Worms) 
Hinterließ der Stadt das Kunsthaus Heylshof: Cornelius Wilhelm von Heyl zu Herrnsheim (Bildquelle: Stadtarchiv Worms)

Wirken über mehrere Generationen

Die Wormser Industriellenfamilie Heyl entfaltete seit ihrem Aufstieg seit etwa 1850, gekrönt durch die Erhebung in den Adelsstand 1886, eine außerordentliche Vielfalt an öffentlichen Aktivitäten in Worms und darüber hinaus.

Als prägende Fabrikanten der für die Region so wichtigen Lederbranche, als nationalliberale Politiker, als Mäzene, Bauherren, Kunstsammler, Kulturförderer, Grundbesitzer und Begründer karitativer Einrichtungen für ihre Arbeiterschaft und die Öffentlichkeit standen die in reformierter Tradition stehenden Heyls im Spannungsfeld zwischen bürgerlichem Aufstieg und der Orientierung an adligen Werten und Vorbildern.

Mit dem Museum der Stadt, und herrlichen Bauten wie etwa das Museum Kunsthof Heylshof mit seiner bedeutenden Sammlung und das Herrnsheimer Schloss haben Sie den Bürger/innen der Stadt sichtbare Spuren hinterlassen.

Einen Überblick über den Aufstieg und Wandel der Familie, ihr wirtschaftliches, politisches und mäzenatisches Wirken, den Funktionen als Stifter, Förderer von Kunst, Kultur, Vereinen sowie als Begründer von Wohlfahrtseinrichtungen bietet unsere kleine Chronik:

 
Familienwappen der Familie von Heyl im Reichsstädtischen Archiv (Wormser Rathaus) 
Familienwappen der Familie von Heyl im Reichsstädtischen Archiv (Wormser Rathaus)
Das Familiengrablege in Worms-Herrnsheim, die Gottliebenkapelle - erbaut 1890/91 (Foto Stadtarchiv Worms) 
Das Familiengrablege in Worms-Herrnsheim, die Gottliebenkapelle - erbaut 1890/91 (Foto Stadtarchiv Worms)
Heylsche Lederwerke Liebenau Worms 
Heylsche Lederwerke Liebenau Worms
Die Ehrenbürgerurkunde von Cornelius W. v. Heyl (1899) 
Die Ehrenbürgerurkunde von Cornelius W. v. Heyl (1899)
Wohnraum für die Mitarbeiter der Lederwerke - die Arbeitersiedlung "Kiautschau" 
Wohnraum für die Mitarbeiter der Lederwerke - die Arbeitersiedlung "Kiautschau"
Heute im Besitz der Stadt Worms: das Schloss Herrnsheim (Foto: R. Uhrig) 
Heute im Besitz der Stadt Worms: das Schloss Herrnsheim (Foto: R. Uhrig)
Prächtiges Treppenhaus im Museum Kunsthaus Heylshof (Foto: R. Uhrig) 
Prächtiges Treppenhaus im Museum Kunsthaus Heylshof (Foto: R. Uhrig)
Produktpalette der Heylsche Lederwerke 
Produktpalette der Heylsche Lederwerke
 
 

Buchtipp

Die Wormser Industriellenfamilie von Heyl

Öffentliches und privates Wirken zwischen Bürgertum und Adel

Chronik

Zwischen 1803 und 1810

Am 18.4.1805 erhält der Wormser Bürger Cornelius Heyl für das bischöfliche Schloss samt Hofkellerei, Hof und Garten den Zuschlag.

1839
Johann Cornelius III. Heyl gründet zusammen mit seinem Schwager Johann K. Martenstein eine Fabrik zur Herstellung von lackiertem Kalbsleder, die späteren Heyl’schen Lederwerke. Vorläuferin war die 1834 gegründete Saffianledermanufaktur Heyl & Martenstein. Die Fabrik befindet sich im Süden der Stadt auf dem Gelände des vormaligen Klosters Nonnen- bzw. Mariamünster.

1844
Generalleutnant Maximilian von Heyl (1844-1925) wird Mäzen des Museums und der Lutherbibliothek sowie längjähriger Vorsitzender des Altertumsvereins. Mit seiner Gattin Doris geb. Stein erneuert er das Andreasstift. Zuletzt stiftet er seine Privatbibliothek der Stadtbibliothek Worms.

1845
In Worms gibt es drei Fabriken, die Lederlackierfabrik Heyl mit ca. 220 Arbeitern, die Lederlackierfabrik Doerr & Reinhart mit 60 Arbeitern und die Cichorienfabrik J.V. Jungbluth mit 10 Arbeitern.

1856*
Leonhard Heyl nutzt das vom Vater geerbte Vermögen zur Gründung der Wollgarn-Spinnerei Worms AG. Schon ein Jahr später, 1857, sind dort 289 Arbeiter beschäftigte. Weitere 188 Arbeiter sind in der Tabakfabrik Leonhard Heyl & Comp. beschäftigt.

1856 bis 1875 *
Leonhard Heyl ist von 1856 bis 1875 Präsident der Handelskammer Worms. 1857 wird er in den Vorstand der Kasinogesellschaft gewählt, dem damals wichtigsten bürgerlichen Verein in Worms. 1859 beruft ihn Großherzog Ludwig III. von Hessen und bei Rhein zum Mitglied auf Lebenszeit in die I. Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen. 1863 wird er vom Großherzog zum Kommerzienrat ernannt, 1871 als erster Industrieller im Großherzogtum Hessen zum Geheimen Kommerzienrat.

1877
Die Heylsche Stipendienstiftung, eingerichtet durch die fünf Enkel der Eheleute Cornelius Heyl und Wilhelmine Heyl geb. Martenstein, erhält die notwendige landesherrliche Zustimmung. Die Unterstützung soll begabten Kindern aus Arbeiterfamilien zur persönlichen Ausstattung und für eine angemessene Ausbildung zur Verfügung stehen.

1881
Der Basler Privatdozent für Geschichte Prof. Dr. Heinrich Boos beginnt mit der Ordnung und Verzeichnung der Bestände des Wormser Stadtarchivs, finanziert durch den Lederindustriellen und nationalliberalen Politiker Cornelius Willhelm (Freiherr) Heyl (zu Herrnsheim). Auf Initiative des Rittmeisters Max Heyl wird am 9. Oktober das Paulusmuseum, vom Altertumsverein in der auf 30 Jahre angemieteten Pauluskirche eingerichtet, feierlich eröffnet. Zahlreiche Schenkungen waren an das Museum ergangen, Dr. Koehl stellte seine umfangreiche archäologische Sammlung leihweise zur Verfügung.

1883 Oktober 31
Anlässlich des 400. Geburtstages Martin Luthers übergibt Rittmeister Max Heyl in Anwesenheit von Großherzog Ludwig IV. an Bürgermeister Küchler als Stadtoberhaupt und Vorsitzendem des Altertumsvereins die ”Lutherbibliothek”. Sie enthält neben einigen Autographen vor allem Drucke von Schriften Luthers und seiner Gegner.

1883
Lord John Dalberg-Acton veräußert den gesamten Herrnsheimer Besitz, Schloss, Park usw. an den Wormser Industriellen Cornelius Wilhelm Heyl.

1884
Das im Auftrag von Commerzienrat C.W. (v.) Heyl nach Plänen des Schweizer Architekten Alfred Friedrich Bluntschli in Formen den Neubarock errichtete schlossähnliche Palais Heylshof wird vollendet.

1886
Der Lederindustrielle Cornelius Wilhelm (von) Heyl (zu Herrnsheim) (1843-1923) wird nobilitiert. Als nationalliberaler Abgeordneter des Reichstages und der ersten Kammer der hessischen Landstände sowie als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung (1874-1911) nimmt er eine herausragende politische, wirtschaftliche und kulturelle Position in der Stadt ein. Außer zahlreichen wohltätigen und sozialen Einrichtungen stiftete er das KunsthausHeylshof. Durch sein Wirken gelangt die Wormser Lederindustrie zu Beginn des 20. Jh. zu Weltruf.

1895
Anläßlich eines Besuches des Hessischen Großherzogspaares stellt Cornelius Freiherr von Heyl zu Herrnsheim sein Gelände im Liebenauer Feld im Westen der Stadt nahe dem Vorort Neuhausen zur Errichtung von Arbeiterwohnungen zur Verfügung. Bis 1912 wird das Kernstück mit 42 Häusern (84 Wohnungen) bebaut für die Arbeiter der eigenen Lederwerke, das übrige Gelände für andere Arbeiter und Minderbemittelte.

1897
Auf Initiative von Cornelius Wilhelm Freiherr von Heyl zu Herrnsheim wird die ”Aktiengesellschaft zur Erbauung billiger Wohnungen namentlich zum Besten von Arbeitern in Worms” auch unter maßgeblicher Beteiligung der übrigen Wormser Geschäftswelt gegründet, die bis 1913 weitere 112 Häuser mit 224 Wohnungen errichtet.

1899 Dezember 22
Die Ehrenbürgerrechte werden an Cornelius Wilhelm Freiherr Heyl zu Herrnsheim für seine finanzielle und ideelle Förderung, die er dem Stadtarchiv angedeihen ließ, verliehen.

1903
Der Lederfabrikant Cornelius Wilhelm Freiherr von Heyl lässt in der Paulusstr. 9 das Diakonissenheim mit der Privatklinik „Sophienhaus“, benannt nach der Ehefrau des Stifters, einrichten.

1910
Das Cornelianum mit Festsaal und Nibelungenbildern, gestiftet von C.W. Freiherr von Heyl, erbaut von Th. Fischer, wird fertiggestellt. Der Repräsentationsbau ist in seiner Architektur geprägt von der seit ca. 1880 allgemein starken Rückbesinnung auf die Stadtgeschichte und die Heldensage. Nach 1945 wird das teilzerstörte Gebäude nicht wieder .aufgebaut.

1912 Juni 15
Das Wöchnerinnenheim ”Mathildenheim” in unmittelbarer Nähe der Arbeiterwohnsiedlung auf dem Liebenauerfeld wird in Dienst gestellt. Es gehört zum sozialpolitischen Programm des Freiherrn von Heyl.

1920 Mai 15
Freiherr Cornelius von Heyl stiftet das Kunsthaus Heylshof mit seinen reichen Sammlungen der Öffentlichkeit. 1945 wird es zerstört.

1923 September 25
Freiherr Cornelius Wilhelm Heyl zu Herrnsheim, Ehrenbürger von Worms, Oppenheim u.a. stirbt in Pfauenmoos. Nach dem frühen Tod seines Großvaters und Vaters übernahm er in jungen Jahren die Lederfabrik und erweiterte als außerordentliche Unternehmerpersönlichkeit das Unternehmen. Bemerkenswert sind seine sozialen Leistungen auf dem Gebiet der Alters- und Krankenversorgung sowie der Arbeitersiedlung. Daneben war er jahrzehntelang Reichstagsabgeordneter des Wahlkreises Worms-Heppenheim-Wimpfen und Mitglied der I. Hessischen Kammer.

1925
Als Gegenstück zur gegenüberliegenden Landhaussiedlung Metzendorfs entsteht eine Siedlung für die gehobenen Mitarbeiter der Lederfabrik Heyl mit Mehrfamilienhäusern. Im selben Jahr werden unter dem Stadtbaumeister Georg Metzler in der Seidenbenderstraße mit Kant- und Hegelstraße Mietshäuser für städtische und Reichsfinanzbeamte erbaut General-Leutnant Maximilian Freiherr von Heyl, Gründer des Wormser Museums, Stifter der Lutherbiblithek und Initiator des Wormser Altertumsvereins, stirbt in Darmstadt. Die Technische Hochschule in Darmstadt ehrte ihn wenige Monate vor seinem Rod durch die Verleihung des Titels eines Doktor-Ingenieurs.

1927
In der Lederindustrie sind nahezu 8000 Personen beschäftigt, davon ca. 4600 bei der Cornelius Heyl AG, 1200 in dem seit dem Jahr 1923 selbständigen Lederwerk Heyl-Liebenau in Worms-Neuhausen und 2000 bei Doerr & Reinhart

1945 März 20
Deutsche Truppen sprengen bei ihrem Rückzug die Ernst-Ludwig-Brücke. Die Amerikaner erreichen Worms. Der Lederindustrielle und liberale Politiker Ludwig Freiherr von Heyl (1886-1962) wird als Stadtältester und Vorsitzender des Stadtausschusses, der die Verwaltung übernimmt, eingesetzt. Sein Nachfolger als amtierender Oberbürgermeister wird Dr. Ernst Kilb. (Februar 1946)

1958
Siegfried Freiherr von Heyl verkauft das Schloss Herrnsheim an die Stadt Worms.

1961 Mai 19
Nach über 20 Jahren steht das Kunsthaus Heylshof der Öffentlichkeit wieder zur Verfügung. Über zwei Weltkriege hinweg konnten die Kunstschätze gerettet werden. Durch Veräußerung zweier Gemälde vermochte die Stiftung die Bauruine ohne fremdes Geld wiederherzustellen.

1967 Juli
Die Stadt erwirbt von der Heyl zu Hernnsheim’schen Nachlassverwaltung die in Schloss Herrnsheim liegenden Bestände des Dalberg-Archivs, das politisch, wirtschaftlich und sozialgeschichtlich wertvolles Material birgt, sowie die Bibliothek der Freiherrn Heyl zu Herrnsheim.

1974
Mit der Schließung der letzten Lederfabrik, Heyl-Liebenau in Neuhausen, endet die Ära der Lederindustrie in Worms, deren Entwicklung vor genau 140 Jahren begonnen hatte.

1974 Mai
Ludwig C. Freiherr von Heyl verkauft das Eigentum an Park und Restgebäude des einstigen herrschaftlichen Majorshofes, der während des Krieges zerstört wurde. Den Verkauf knüpft er an Auflagen um sicherzustellen, dass bei der Bebauung öffentliches interesse gewahrt, eine Parzellenaufteilung verhindert und ein Großteil der „grünen Insel“ inmitten der Stadt erhalten bleibt. Anfang Juni wird das 8690 große Gelände von der Kreis- und Stadtsparkasse erworben.



(Quelle: Chronik der Stadt Worms / zusammengestellt von unserem Praktikanten Florian Walter im Februar 2012)

*Nachtrag der Redaktion