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Die Krypta in Worms-Hochheim

Wie drei Hochheimer Buben die tausendjährige Krypta der Bergkirche wiederentdeckt haben.

Klein und doch unendlich: der Raum der Krypta

Im Burchard-Jubiläumsjahr wurde die Bergkirche St. Peter mit ihrer Krypta das Ziel besonders vieler Menschen, und die Kirche hat sie mit ihrem Pfarrer alle freudig empfangen. Laut erzählend sind sie von der Berggasse aus die Treppenstufen hinaufgestiegen, haben den romanischen Turm und das alte, schlichte Kirchenschiff bewundert und sind schließlich ganz leise und still geworden, als sie in den kleinen und doch unendlich großen Raum der Krypta kamen. Und als sie dann ehrfurchtsvoll in einer Nische sitzend die vier romanischen Säulen mit den prächtigen Würfelkapitellen und das Gewölbe der Halle bestaunt haben, dann konnte es beim besten Willen keiner verstehen, dass man von diesem Raume einstmals nichts mehr wissen wollte und ihn 1885 einfach mit Schutt zugeschüttet, zugemauert und dann total vergessen hatte.

Noch niemand hat die Geschichte erzählt, wie drei Hochheimer Buben vor 70 Jahren die tausendjährige Krypta der Bergkirche wiederentdeckt haben. Ja selbst dem Pfarrer Bodensohn, der die Krypta öffentlich zugänglich machte, waren die Ereignisse, die zur Auffindung führten, nicht mehr genau bekannt. Denn sonst hätte er nicht in seinem Kirchenführer 1965 geschrieben: "Spielende Hochheimer Kinder waren durch einen Mauereinbruch (60 x 60 cm) an der Ostwand der Kirche gekrochen und hatten hinter ihm eine prächtige Spielhöhle entdeckt". Ganz so war es nicht. Wollen wir einmal hinhören und zuhören, was ein Zeitzeuge erzählt und daraus eine kleine Geschichte machen.

Ernst Olbert und Hermann Dauer aus der Binger Straße sowie der Sohn des evangelischen Pfarrers, Helmut Oeckinghaus, waren damals neunjährige Buben, einer so groß wie der andere. Wo der eine war, wollten auch die anderen sein. Hatten sie jeweils ihre Hausaufgaben brav gemacht, und stand sonst im Haus nichts weiteres an, trafen sie sich. Beim Spielen haben sie dann ihre kleine Welt mit den unglaublichsten Phantasien angereichert und diese dabei himmlisch ausgedehnt. Voller Freude ließen sie im Herbst ihre Drachen steigen, im Winter schlitterten sie die Berggasse hinunter, und das ganze Jahr hindurch ließen sie ihre Reifen durch die Hochheimer Straßen rollen oder spielten "Klickerchers", "Versteckelchers" oder "Räuber und Gendarm". An einem sonnigen Septembertag im Jahr 1930 liefen sie - durch die damals noch autofreie Binger Straße - zur Berggasse hinauf. Dort hatten sie links ihren "Feldherrnhügel" und rechts um die Bergkirche herum eine prächtige Spielwiese. Wenn man jung und noch klein ist, scheint die Welt noch größer zu sein als sie es ohnehin schon ist. Und so war die Berggasse, in der die Elektrisch quietschend zum Friedhof hochrappelte, für unsere drei Jungen tiefer und breiter, die Kirche stand noch höher auf ihrem Berg, und das Spielgelände um die Kirche herum war voller unüberschaubarer Geheimnisse. Als sie feststellten, dass sie dort oben völlig allein waren, beschlossen sie - in dem verwahrlosten hohen Gras und Gestrüpp - "Räuber und Gendarm" zu spielen. Dieser Spaß zählte damals bei der gesamten Hochheimer Kinderwelt zu den fünf Seligkeiten. Für die Bergkirche hatten die Buben kein Auge. Wenn man spielen will, interessieren andere Dinge. Auch den herrlichen Ausblick, den sie von ihrem Freizeitgelände hatten, nahmen sie nicht wahr. Sie beachteten die Landschaft nicht, nicht die Rebzeilen vor der Kirche, die Felder und Gärten, auf denen bereits frühe Kartoffelfeuer brannten, und ihnen schimmerte auch nicht das silberne Band des Mühlbachs. Sie hörten noch nicht einmal das harte Klingeln der Elektrisch, die mitteilte, dass sie jetzt abfahren wolle, vom Friedhof aus hinunter in den dörflichen Stadtteil. Noch schnell schlugen die "Räuber" und der "Gendarm" einige Purzelbäume, und Ernst Olbert machte sogar einen vollendeten Kopfstand, wobei er die Ostwand der Bergkirche zur Stütze nahm. So lernte er die Welt einmal anders herum kennen. Das schien ihm zu gefallen, denn er blieb erstaunlich lange auf dem Kopf stehen. Hermann Dauer und Helmut Oeckinghaus blickten bewundernd zu ihm hinunter, als sie plötzlich gleichzeitig etwas wahrnahmen, das sie hier noch nie vorher gesehen hatten. Neben ihrem - immer noch die Beine in die Luft streckenden - Freund sahen sie, von Gebüsch und Gras überwuchert, ein fast quadratisches, etwa 40 x 40 cm, großes Loch. Helmut zeigte verblüfft auf die Bodenöffnung. "Was ist das?" schrie er. Blitzschnell stand Ernst Olbert wieder auf seinen Beinen. Und dann zerrten sechs Hände einen Busch beiseite und rissen am Gras. Fassungslos starrten sie in einen fast waagerechten, mit Schutt und Steinen und weißem Sand ausgefüllten Spalt, der direkt unter die Kirche zu führen schien. Die Knaben schauten sich an. "Das ist," sagte Hermann Dauer nach kurzer Zeit des Schweigens, "das ist," wiederholte er feierlich, "ein richtiger Gang. Klar, einwandfrei." Den drei Jungen lief ein Schauer über den Rücken. Gegen diese Entdeckung verblasste jedes Spiel. Übereinstimmend stellten sie fest, wo ein unterirdischer Gang ist, sei ein Schatz nicht fern. Die Gangöffnung war groß genug, dass ein Neunjähriger - auf dem Bauch liegend - gerade noch hineinkriechen konnte.

Die Buben blickten sich an. "Gehst du hinein?", fragte Helmut Oeckinghaus und sah dabei Ernst Olbert an. Als dieser mit den Schultern zuckte, setzte er hinzu: "Oder traust du dich nicht?"

"Natürlich trau ich mich." Feigheit, das war bei den Buben ein schlimmes Schimpfwort. Keiner ertrug es. Ernst Olbert wartete eine Weile, als müsse er erst noch Mut sammeln, starrte dann zum Erdloch, und obwohl ihm alles nicht geheuer war, legte er sich auf den Bauch, und war im Loch verschwunden. Die beiden Zurückgebliebenen sahen sich recht kleinlaut an, sagten aber nichts. Der Schreck, dass sie plötzlich unter dem blauen Septemberhimmel nur noch zu zweit waren, war ihnen in alle Glieder gefahren. Sie schauten ihrem Spielkameraden nach. Ungefähr drei Meter war er vorangekommen, als sie erleichtert feststellten, dass er anhielt, um dann allmählich wieder zurück zurutschen. Als er ans Licht kam, war er totenblass, im wahrsten Sinne des Wortes weiß wie Schnee. Denn von dem im "Gang" eingelagerten Schutt waren Hemd und Hosen, Beine und Schuhe, Gesicht und Nase weiß getüncht worden. Etwas Kalk war ihm auch in den Mund gekommen. Er spuckte ihn im weiten Bogen aus "Pfui Teufel". Er schüttelte sich. "Das ist kein gewöhnlicher Sand, das ist -, das schmeckt wie es im Keller riecht." Wie sah er auch aus, voller weißem Staub! Es war Verputz auf seine Kleidung gekommen. Er klopfte und strich an Hemd und Hose, aber das war kein Mehl. Er wischte den Kalk nur noch stärker ins Gewebe. So riss er Sauerampferblätter von der Wiese, um wenigsten seine Schuhe zu reinigen. Bei unseren drei Freunden kam jetzt eine ausgelassene Stimmung auf. Sie boxten sich in die Seiten und klopften sich auf die Schultern und beschlossen, am nächsten Tag das Geheimnis des Ganges auszukundschaften. Denn dass sie einen Schatz gefunden hatten, darüber waren sie sich völlig einig. (Allerdings ahnten sie nicht, welchen Schatz sie ans Tageslicht gebracht hatten.)

Ernst Olbert wusch sich noch, so gut es ging, an der Pumpe, die unterhalb der Bergkirche stand, um wenigstens Beine und Gesicht zu reinigen. Als er heim kam, schlug die Mutter die Hände über dem Kopf zusammen. "Mein Gott, wie siehst du denn aus?" Nun musste er erzählen, ob er wollte oder nicht. "Was, an der Bergkirche? Da gibt's doch kein Loch zu einem Gang."

Ernst wollte etwas erwidern, stotterte aber nur, bis er endlich herausbrachte: "Doch, ein richtiger Gang ist dort, und geht ganz tief unter die Kirche."

Die Mutter schlug nochmals die Hände zusammen. "Mein Gott, Kind," sagte sie laut. "Es wird doch nicht der Gang sein, von dem die Leut in Hochem vezählen?" "Doch," antwortete Ernst, "genau der isses".

Abends wurde dann alles dem Vater berichtet. Er war ein geschickter, in Hochheim geschätzter Möbeldrechsler.

Der alte Olbert war ein guter Vater, und als er alles erfahren hatte, sagte er bedächtig und ruhig: "So, ein Loch haste gefunden, wird einer nach guter Erde dort gegraben haben."

"Nein," beteuerte Ernst heftig, "ein richtiger Gang mit Steinen und Scherben drin und noch mehr, ganz weißem Zeug. Ein langer Gang, und ich glaub', der geht unter der Kirch' durch bis zu den drei Kellern in der Binger Straß'." Der Vater lachte hell auf. "Nun, so werden wir uns den Gang doch wohl mal ansehen müssen", sagte er schmunzelnd.

Und am nächsten Tag hat er sich den Mauereinbruch angeschaut und als Kirchenvorsteher sofort Pfarrer Oeckinghaus unterrichtet. Als sich das Ereignis sehr schnell in Hochheim herumsprach, waren die Ortsbewohner hell verwundert. "Was doch die Kinder alles finden", sollen sie gesagt haben, und der eine und andere hat sich wohl dabei gedacht, wie sich doch die alte Aussage bewahrheitet, dass die größten Entdeckungen meist im Spiel oder durch Zufall gemacht werden. Und jetzt war plötzlich die Bergkirche mit ihrer Krypta in aller Munde. Sogar die Kirchenoberen und die Wissenschaftler kamen zusammen. Und als der Schutt von der Baufirma Steiner alsbald aus der Krypta herausgeholt war, und über eine Falltüre die freigelegte Krypta besichtigt werden konnte, kam es, so lesen wir in der "Wormser Volkszeitung", am 10.8.1931, um 17 Uhr, zu einer eindrucksvollen Feier mit Fest- und Lobreden. Die Festgäste ließen sich sogar stolz fotografieren: Prälat Dr. D. Diehl, Oberkirchenrat Zentgraf, Bürgermeister Metzler, die städtischen Direktoren Dr. Grill und Dr. Illert u.v.a. mehr. Unsere drei Hochheimer Buben, die zur Wiederauffindung der Krypta so wesentlich beigetragen hatten, sucht man allerdings vergeblich auf dem Bild. Auch fanden sie keine Erwähnung. Aber vielleicht waren sie ganz froh darüber, an diesem Tag nicht in ihren Sonntagsanzug schlüpfen zu müssen. Sie haben an diesem Festtag vielleicht "Räuber und Gendarm" gespielt.

Und was ist aus unseren drei Hochheimer Buben geworden? Alle drei mussten sie im grässlichsten aller Kriege nach Russland. Ernst Olbert steht auf der großen Tafel der Gefallenen in der Bergkirche, die uns immer wieder erschüttert. Auch Helmut Oeckinghaus ist 1943 in Russland gefallen. Nur Hermann Dauer kam, verwundet, in sein Hochheim zurück. Und deshalb kann nur er heute - nach 70 Jahren endlich - ein Dankeschön erfahren, durch diesen kleinen Artikel.


Detlev Johannes