23.06.2022 / Gesundheit

Inkontinenz – raus aus der Tabuzone

Auch in diesem Jahr macht die Welt-Kontinenz-Woche darauf aufmerksam, dass Inkontinenz nicht tabuisiert werden darf. Das Beckenbodenzentrum am Klinikum Worms ist auf die Behandlung spezialisiert.

Oberarzt Georg Crayen (links) im Beratungsgespräch mit einer Patientin.
Oberarzt Georg Crayen (links) im Beratungsgespräch mit einer Patientin.
© Fotograf: Klinikum Worms

In vielen Fällen sehr gut behandelbar

Inkontinenz ist nach wie vor ein Tabuthema, über das niemand gerne spricht. Das soll sich ändern. Auch in diesem Jahr macht deshalb die Welt-Kontinenz-Woche, die vom 20. bis 26. Juni 2022 stattfindet, darauf aufmerksam, dass Inkontinenz nicht tabuisiert werden darf.

Obwohl es in Deutschland rund zehn Millionen Menschen gibt, die unter Inkontinenz leiden, schweigen die Betroffenen in der Regel und sprechen mit niemandem darüber. Mehr als die Hälfte der Patienten vertraut sich nicht einmal einem Arzt an. Das hat mitunter fatale Folgen, was PD Dr. Markus Hirschburger, der das fachbereichsübergreifende Beckenbodenzentrum am Wormser Klinikum leitet, im klinischen Alltag immer wieder erlebt: „Leider ist es nach wie vor so, dass sich sehr viele Patienten schämen und hoffen, dass sich das Problem vielleicht doch noch irgendwie von alleine löst. Sie leiden still vor sich hin und nehmen massive Verluste an Lebensqualität in Kauf“, so der Chefarzt. „Wenn sich das Leben nur noch um den Gang zur Toilette dreht leidet vieles: der Alltag, die Beziehung, soziale Kontakte und natürlich auch die Psyche. Deswegen ist es ganz wichtig“, betont Hirschburger „dass die Patienten wissen, dass Inkontinenz gut behandelt werden kann.“

„Wir können Kontinenzprobleme heutzutage in der Regel spürbar lindern und in vielen Fällen sogar heilen“, ergänzt Georg Crayen. Der Oberarzt ist gleichzeitig Koordinator des Beckenbodenzentrums am Klinikum, das auf die Behandlung von Menschen mit Kontinenzproblemen spezialisiert ist. „Je nach Ursache bringen häufig bereits konservative Maßnahmen Erfolg. Schon alleine ein regelmäßiges Beckenbodentraining verbringt manchmal wahre Wunder“, weiß der Mediziner aus Erfahrung.

Kleiner Schrittmacher mit großer Wirkung

Sind die Kontinenzleiden stärker ausgeprägt und bringen konservative Therapien nicht den erwünschten Behandlungserfolg, stehen zusätzliche operative Verfahren zur Verfügung. Das dabei operationstechnisch einfachste und mit Abstand erfolgreichste Verfahren ist für die meisten Patienten gänzlich unbekannt. „Seit nunmehr genau 40 Jahren gibt es bereits spezielle Beckenbodenschrittmacher, die bei Harn- oder Stuhlinkontinenz zum Einsatz kommen“, erklärt Hirschburger. Während der technisch ähnlich funktionierende Herzschrittmacher seit vielen Jahrzehnten in aller Munde ist, kennt den Beckenbodenschrittmacher fast niemand. Das Gerät, das nur wenig größer als eine zwei-Euro-Münze ist, funktioniert ähnlich wie ein Herzschrittmacher. „Die Blase, der Enddarm sowie die an der Blasen- und Stuhlentleerung beteiligten Muskeln werden von den sogenannten Sakralnerven gesteuert. Wenn ein Patient von Inkontinenz betroffen ist, geben diese Nerven fehlerhafte Signale an das Gehirn weiter und es kommt zu ungewolltem Abgang von Urin oder Stuhl oder aber auch“, so der Chefarzt „zu einer Verstopfung.“

Der Beckenbodenschrittmacher, der auch als sakrale Neuromodulation bezeichnet wird, sorgt mit Hilfe von schwachen, für den Patienten nicht spürbaren elektrischen Impulsen dafür, dass diese Sakralnerven so stimuliert werden, dass die ursprüngliche Funktion von Blase und Darm sowie der beteiligten Schließmuskulatur wiederhergestellt werden kann. „Hierfür verbinden wir den Schrittmacher über einen dünnen Draht mit den entsprechenden Nervenarealen“, erklärt Hirschburger das rund 30 bis 40 Minuten dauernde Operationsverfahren. Zunächst werden die Elektroden mit einem externen Stimulator verbunden, der während einer Testphase von ein bis drei Wochen an einem Gürtel getragen wird. Stellt sich während dieser Zeit der gewünschte Erfolg ein, wird der Schrittmacher in einer zweiten, rund 20-minütigen Operation über kleine Schnitte im oberen Gesäßbereich implantiert. „Zwar ist ein Beckenbodenschrittmacher nicht bei allen Formen der Inkontinenz anwendbar, bei rein funktionellen Störungen führt der Schrittmacher in der Regel dazu, dass Blase und Enddarm wieder wie gewohnt funktionieren und der Patient ein ‚normales‘ Leben führen und zu seiner gewohnten Lebensqualität zurückkehren kann.“

Für Hirschburger und Crayen ist deshalb besonders wichtig, dass Inkontinenz endlich ihren Status als Tabuthema verliert. „Es macht mich immer wieder traurig, wenn ich sehe, wie sehr Menschen leiden und welchen Verlust an Lebensqualität sie in Kauf nehmen, nur, weil Kontinenzprobleme in unserer Gesellschaft quasi totgeschwiegen werden“, resümiert Hirschburger, der deshalb nochmals betont: „Bitte scheuen Sie sich nicht und wenden Sie sich an Ihren Arzt. Besonders wenn sich die ‚Blasenprobleme‘ erst im Anfangsstadium befinden, sind die Heilungschancen mit häufig einfachen Maßnahmen wie etwa Beckenbodentraining besonders hoch. Niemand sollte unnötig leiden müssen – gerade deshalb ist es so wichtig, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass Inkontinenz kein Tabuthema mehr sein darf.“

Quelle: Klinikum Worms

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