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...als Gras über den Judenfriedhof gewachsen war

War es ein Trick oder eine wahre Begebenheit, weshalb der Jüdische Friedhof in Worms von den Nazis verschont blieb? Genaues wird man wohl nie erfahren. Fakt ist, dass er heute der älteste, noch erhaltene Jüdische Friedhof in ganz Europa ist. Lange Zeit wagte sich niemand mehr hinein, zu groß war die Scham um das Geschehene. Erst als buchstäblich Gras über die Vergangenheit gewachsen war, machte man sich daran, eben dieses zu lichten und den Friedhof wieder begehbar zu machen.

Blick über den Jüdischen Friedhof in Worms (Foto: Ingo Hamann) 
Blick über den Jüdischen Friedhof in Worms (Foto: Ingo Hamann)

Warum blieb der Friedhof verschont?

Um den ältesten Judenfriedhof Europas herum, ist im Laufe der vielen Jahrhunderte schon vieles geschehen. Juden aus Deutschland betrachten ihre historischen Stätten in Worms als Klein-Jerusalem. Der Judenfriedhof hat für sie einen besonderen Rang und wird „Heiliger Sand“ genannt. Er liegt außerhalb der ehemaligen Stadtmauern und bietet heute inmitten der Stadt eine Oase der Ruhe. Der Blick von dort zum christlichen Wormser Dom wurde von dem großen jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878 - 1965) beschrieben und wird seitdem nach ihm benannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg getraute sich kaum jemand im Vorbeigehen durch die Öffnungen in der Friedhofsmauer zu sehen, weil man an die schrecklichen Erlebnisse gegenüber den Juden erinnert wurde, von denen mehrere Millionen umgekommen sind.

Nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938, in der die Wormser Synagoge zum Opfer gefallen war, fragte man sich, warum der alte Judenfriedhof verschont geblieben ist?

 

Der Sage nach hat man damals folgendes Gerücht gestreut:

Es gibt ein Brief von dem Hauptverantwortlichen für die Judenvernichtung Heinrich Himmler (1900-1945) an den damaligen Museums- und Archivdirektor Dr. Friedrich Maria Illert (1892-1966). In diesem steht sinngemäß, wenn jemand etwas an dem Judenfriedhof verändern will, sollte sich vorher mit ihm in Verbindung setzen. Ein Brief mit diesem Inhalt ist bis heute nicht gefunden worden.

Der Verbreiter dieser Behauptung konnte auch nicht festgestellt werden, sonst hätte er sicher eine Ehrung erhalten. Dieser einfache Trick hat seine Wirkung nicht verfehlt, denn der Friedhof blieb glücklicherweise während des ganzen Krieges unangetastet. Lediglich einige Bomben, die den Bahngeleisen gegolten haben müssten, fielen in das Gelände.

Geste der Versöhnung

Nachdem genug Gras über das Thema Juden gewachsen war, getraute man sich allmählich bei der Beschließerin zu klingeln, um in den Friedhof herein gelassen zu werden. Im Frühjahr gab es einen besonderen Grund, denn in dieser Zeit blühten dort die Veilchen fast auf der ganzen Fläche. Das Gras machte nach einem Regen die Begehbarkeit unmöglich, weil keine Wege vorhanden waren. Gegenüber den Juden, die sich aus fernen Ländern wieder hierher wagten, war das unangenehm und für Wormser, die ein Sühnezeichen setzen wollten, eher peinlich.

In dieser Situation wurde 1968 die Initiative ergriffen, den Judenfriedhof für jedes Wetter begehbar herzurichten. Dies scheiterte zunächst an dem damaligen Etat der städtischen Bauverwaltung, nicht aber an wenigen jungen Leuten. Es wurde ein Kompromiss gefunden.

Die städtischen Gärtner stellten immer bereitwillig alle erforderlichen Geräte in einem Schubkarren, in der Nähe versteckt, zur Verfügung und die Helfer gingen samstags mit dem stets frisch geputzten Handwerkszeug frisch ans Werk und ab ins Grüne. Trotz eines Rundschreibens des Evangelischen Jugendpfarramtes blieb der Helferkreis sehr klein. Zum Schluss hielten nur noch drei aus.

Die Grabsteine selbst durften nicht angetastet werden. Damals waren sie schon im Bereich des nassen Grases teilweise verwittert. In diesem Gelände durften nur die städtischen Fachleute mit der Sense mähen.

Nach den freundlichen Hinweisen des Gartenbauamtsrates Holzinger wurde zunächst der Hauptweg, von dem kleinen Eingangstor, in Biegungen zur Bahnlinie, angelegt. Dabei entdeckte man eine Treppe, die auf das höher gelegene und neuere Gräberfeld führt. Die Grasabstiche wurden mit der Schubkarre in die Bombentrichter gefahren. Die Fahrspuren mussten auf der Fläche verteilt werden, damit die Grasnarbe nicht verletzt wird. Der vergossene Schweiß lohnte sich, wenn man mit Besuchern ins Gespräch kam.

Das war nicht nur anregend, sondern manchmal auch bewegend. Ein älterer ergrauter stattlicher Herr aus USA stellte einmal fest: Ich wollte nie mehr nach Deutschland kommen. Wenn, dann nur hierher. Jetzt, wo ich euch junge Leute hier arbeiten sehe, fahre ich wieder hoffnungsvoll zurück. – Danach gab es feuchte Augen auf beiden Seiten und die Helfer hatten ein zusätzliches Ziel erreicht!

Danke

Ein Beitrag von Edmund Ritscher. Vielen Dank dafür!

 
 
 
 

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