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Der Raubritter von Ibersheim

Wussten Sie, dass das Ibersheimer Schloss einmal zu einem Raubritternest wurde? Der Edelmann Heinrich von Mauderich hatte dort sein Domizil und machte Reisenden auf dem Rhein das Leben schwer.

Ein Wandbild als Erinnerung an den Raubritter Heinrich von Mauderich (1656), wie er auf der Lauer liegt 
Ein Wandbild als Erinnerung an den Raubritter Heinrich von Mauderich (1656), wie er auf der Lauer liegt

Die jahrhundertelangen schlimmen Zustände am Rhein

Nachdem die Römerstraßen verfallen waren und der Verkehr sich von den Landstraßen auf die Wasserstraßen verlegte, mussten auch die Wegelagerer mitziehen, wenn sie sich weiterhin zusätzliche Einnahmen verschaffen wollten. Dies war die Situation im Mittelalter am Rhein bei dem niederen Adel. Die Ritter, mit ihren löblichen Tugenden, waren im Laufe der Zeit immer weniger gefragt, sodass sie in finanzielle Notlage gerieten und gezwungen waren, als Raubritter durch die Lande zu ziehen.

Die Wasserstraße Rhein bot auf dem langen Lauf von Basel bis in die Niederlande genügend Verdienstmöglichkeiten. Die Hauptsache war zunächst ein Stück Rheinstrand zu bekommen. Alles andere wurde zur Selbstverständlichkeit, denn es war allgemein üblich geworden, von den Handelsleuten Zölle, legal oder illegal, zu fordern.

Das Ganze stieß irgendwann an seine Grenzen. Im Laufe der Zeit, gab es mehr als 60 legale Rheinzollstellen. Die Fernhändler hatten wenig Lust bekommen, sich auf einem langen Weg, von Italien kommend, ab Basel den Rhein abwärts bis in die Niederlande treiben zu lassen und laufend Zoll bezahlen zu müssen, ohne erschlagen zu werden. Ähnlich erging es dem Händler, der um 800 seinen Münzschatz bei Ibersheim schnell vergraben musste. - siehe Wormser Anekdote: Die reiche Adeltrud, der Münzschatz und der Raubritter.

Gegen diese Räubereien wehrte man sich von 1254 bis 1257 mit dem Rheinischen Städtebund, in dem Worms eine maßgebliche Rolle spielte. Am 6. Oktober 1254 fand dort der zweite Bundestag dieser Art statt, bei dem festgesetzt wurde, 150 Kriegsschiffe mit Schützen bemannt, als eigene Rheinflotte bereit zu halten. Auf der Gegenseite schlossen sich die Ritter gegen die Städtebündnisse zusammen. Dieser schlimme Zustand überdauerte auch den zweiten Rheinischen Städtebund 1381 und ein Landfriede kam immer nur kurzzeitig zustande. Der Rhein ist für viele zum Albtraum geworden. Wunderschön war er oft nur mit viel Wein.

Am Ende des 30-jährigen Krieges 1648 war die Situation noch schlimmer als vorher, weil 2/3 der hiesigen Bevölkerung durch den Krieg umgekommen war. Der aus dem Exil zurückgekehrte pfälzische Kurfürst Karl I. Ludwig (1617 - 1680) musste sein Land und seine Residenz wieder neu aufbauen lassen. Es war kein Geld vorhanden, keine Steuerzahler und auch die fruchtbaren Böden sind verwildert gewesen. Der kurpfälzische Fronhof Ibersheim wurde ab dieser Zeit nicht mehr verwaltet, sondern verpachtet.

 

Das Auffinden des Edelmannes Heinrich von Mauderich

Der erste Pächter des kurpfälzischen Ibersheimer Hofes war Heinrich von Mauderich aus dem Gelderland (heute Niederlande). Von ihm gab es bis zu den Nachforschungen des Autors keinerlei Daten in Ibersheim, sondern nur die Erzählung, dass hier einmal ein Raubritter gewesen sein sollte. Im Hessischen Landesarchiv Darmstadt ist das Buch von Adolf Trieb: "Ibersheim am Rhein" mit der Kopie eines Beitrages von 1912 entdeckt worden: "Ibersheim als Wohnsitz von Niederländern". Der Autor knüpfte daraufhin, als Familien- und Heimatforscher, auf dem nächsten Deutschen Genealogentag Kontakt zu den holländischen Forscherfreunden.

Frau Dineke Paetzel-Veenstra konnte sogar den holländischen Forscher Herrn Wim H. Morel van Mourik aus Ansen ausfindig machen, der 1990 die Familie van Maurick bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgt hatte. Der gebürtige Ibersheimer Forscher erhielt, von dem sensationellen Fund, als Dank, ein letztes Exemplar über: "Van Mauderick, 1270-1695: de geschiedenis van een schildboortig geslacht, Ansen 1990. Frau Paetzel-Veenstra stellte danach, bei dem jährlichen Treffen, immer noch einmal die gleiche Frage: "Was macht unser Heinrich?" Darauf konnte bis heute leider nur geantwortet werden: Ich weiß nicht, wo er nach 1661 geblieben ist.

Die Familie van Maurik

  • Adrian van Maurik, Gerichtsjunker in der Nieder-Betuwe, Gelderland, heute Niederlande
    * ca. 1563, + 17. Sept. 1624 Maurik, heute Teil der Gemeinde Buren, Provinz Gelderland, heiratete Sjouck van Roussel

  • Henrick/Heinrich van Maurik, Junker/Edelmann, 1. kurfürstl. Pächter von Ibersheim
    * ca. 1615 Maurik, ältester Sohn auf vorväterlichem Gutshof in Maurik heiratete 16. März 1651 in Maurik, Betuwe/Niederbettau Anna Geertruida/Geertruit/Gertrud Lintius aus Kreuznach, heute Bad Kreuznach

  • Marie van Maurik
    * Oktober 1656 Ibersheim, getauft 7. Okt. 1656 Ibersheim, Schloß, Taufpate Henricius van Alss/Aalst, wohnte in Ilbersheim, Grafschaft Leiningen

Maurik, heute ein Teil der Gemeinde Buren, liegt neun Straßen-Kilometer östlich von Wijk bij Duurstede (am Amsterdam-Rhein-Kanal) mit der ehemals bedeutenden Handelssiedlung Dorestad aus dem 7. bis 9. Jahrhundert. Diesen Ort kennen wir aus der Ibersheimer Geschichte, weil ein Fernhändler dieses Ziel nicht mehr erreicht hatte und seinen Münzschatz am Rhein vergraben musste. - siehe Wormser Anekdote: Die reiche Adeltrud, der Münzschatz und der Raubritter.

Im 30-jährigen Krieg bewegten sich die verschiedenen Truppen durch verschiedene Länder. Den Spanischen Habsburgern gehörten auch die Spanische Niederlanden unter Ferdinand von Spanien (1609/10-1641). Zeitweise war ihr Hauptquartier in Kreuznach. Es kann angenommen werden, dass dort Heinrich von Mauderich, in militärischen Diensten, seine spätere Ehefrau kennen gelernt hatte.

Die Flucht vor den Gläubigern aus dem Gelderland

Nach der Heirat im Gelderland kamen die jungen Eheleute Heinrich und Gertrud hoffnungs-voll als Pächter nach Ibersheim, weil sie den Mannnheimer Privilegien von 1652 gefolgt sind. Heinrich war kein Glaubensflüchtling, wie später die Schweizer, sondern ein Flüchtling vor seinen Gläubigern. Nach ca. 350 Jahren konnte Wim H. Morel van Mourik noch am 11. März 2008 an Edmund Ritscher schreiben: "Ich habe die Schuldscheine von Junker Henric van Mauderic noch einmal durchgesehen und ich zähle ab 1638 bis 1652 insgesamt 10.000 Caroli Gulden (minimal). Es wird mir immer deutlicher, dass er sich um 1660 keinen Rat mehr wusste und mit seiner Frau nach Deutschland geflohen ist und nimmermehr nach Maurik zurückgekehrt ist."

Adolf Trieb, Lehrer in Ibersheim von 1902 bis 1903, hatte nach Erscheinen seines Buches "Ibersheim am Rhein" 1911, noch ein altes Hammer Kirchenbuch, mit Tauf-, Hochzeits- und Sterberegister, ab 1654 entdeckt. Als Ergänzung schrieb er ein Jahr später den Beitrag "Ibersheim als Wohnsitz von Niederländern", in: Vom Rhein, 11. Jahrgang, April und Mai 1912, S. 33 - 35. Danach war Heinrich "ein Edelmann, der wohledle, gestrenge und ehrenfeste Herr Henricius von Mauderich, gebürtigt aus dem Dorfe Mauderich in der Niederbettau im Gelderland. Seine Gemahlin war die wohledle Frau Anna Gertrude, und ausserdem wird noch eine Tochter Marie genannt. Dieser Edelmann, der wohl im "Schlosse", dem einzigen herrschaftlichen Gebäude, das in Betracht kommen konnte, seinen Wohnsitz hatte, bebaute mit einigen meistens aus seiner Heimat stammenden Familien das ganze Hofgut." In Ibersheim wohnten damals 14 reformierte Familien und zwei ledige Burschen. Beschäftigt waren drei Schäfer, ein Kuhhirte und zwei Schmiede.

Bei schwierigen Bedingungen vom Edelmann zum Raubritter geworden

Es war eine schwierige Aufgabe, die es zu bewältigen galt. Das Land war, im biblischen Sinne, wüst und leer. Die Felder lagen brach und mussten mühsam wieder hergerichtet werden, bevor man sähen und ernten konnte. Die Schafzucht war groß, weil Ibersheim viele Weiderechte in den Nachbargemeinden hatte. Wenn drei Schäfer vorhanden waren, kann man mit insgesamt 1000 Schafen rechnen. Die denkmalgeschützten Schafscheuern sind heute noch eine Erinnerung an diese Zeit. Mit den halb verhungerten internationalen Helfern, von den Niederlanden bis zum Salzburger Land, machte Heinrich sich an die Arbeit. Deren Arbeitskraft und Fachkenntnisse hielten sich zeitgemäß in Grenzen, sodass der Edelmann bald zum Bettelmann geworden wäre, wenn sich keine zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten geboten hätten.

Weil der Rhein schon seit Jahrhunderten eine Einnahmequelle bot und alle Randbedingungen vorhanden waren, wurde man, aus heutiger Sicht, zu einem Raubritter. Damit war man in bester Gesellschaft mit dem Nachbarn auf der anderen Rheinseite, auf der Burg Stein, nur 2 km weiter. Die Verständigung war gut, mit Flaggensignalen über die Baumwipfel hinweg, vom Turm neben dem Schloss. Auch Schießscharten waren dort vorhanden, wie sie sich bei der Renovierung vor einigen Jahren zeigte.

Diese Zollstelle war illegal. Angegriffen wurden die Handelsschiffe von beiden Seiten des Rheines. Die Steiner versteckten sich in der Weschnitzmündung und die Ibersheimer in den Hecken, um von dort aus anzugreifen oder sich zurück zu ziehen. Das konnte aber nicht lange gut gehen. Die Obrigkeit wollte dem zwar Einhalt gebieten und hart bestrafen, konnte aber nicht, wie heute die Polizei, immer überall sein. Irgendwann erhielt der Edelmann die Kündigung von seinem Verpächter, dem Kurfürsten. Es ist nicht bekannt, ob ein Zeitvertrag abgelaufen war, die Pacht nicht bezahlt wurde oder die besonderen Gründe dazu führten. Man hat auf jeden Fall nie mehr etwas von ihm gesehen und gehört. Seine Helfer kamen zum Teil noch in Nachbarorten unter.

Das Ende mit den Niederländern und der Beginn mit den Schweizern

Im Frühjahr 1661 wanderten die Schweizer hier ein. Der bisherige Pächter und seine Knechte haben die Kündigung des Kurfürsten mit Verbitterung hingenommen und wollten zunächst nicht aus dem Ort weichen. Die ankommenden Schweizer waren gezwungen außerhalb zu übernachten. Sie beschwerten sich bei dem Kurfürsten, der von Mannheim Reiter nach Ibersheim sandte, um die Niederländer zu vertreiben. Zum Schutze der neuen Pächter blieben sie eine Zeitlang in Hamm und Ibersheim einquartiert.

Heinrich von Mauderich hatte, nach den verheerenden Kriegen, großen Mut gehabt und gab sein Bestes für einen Neuanfang in Ibersheim. Anschließend konnten die Schweizer Siedler das Gesamtwerk mit großer Mühe voranbringen und den Ort sichtbar mennonitisch prägen.

Danke

Ein Beitrag von Edmund Ritscher. Vielen Dank dafür.

 
 
 

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